Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Judentum und Islam in Vergangenheit und Zukunft
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 522 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Judentum und Islam in Vergangenheit und Zukunft Von Else Marquardsen-Kamphövener, München ÄtSK^fK^ bilden uns alle so viel ein, auf das, was wir erreichen, sei es 'tum in ethischen oder in praktischen Dingen; wir glauben, wir seien die Herren der Welt des Geistigen und des Körperlichen und haben ihre letzten Geheimnisse durch unsere eigene Kraft ergründet und erforscht. Und doch sind wir alle nichts als das Produkt des Gewesenen. Dieses Gewesene, das uns bildete und werden ließ, verwerfen wir aber mit der Grausamkeit der Natur, die als selbstverständliche Notwendigkeit ein Blatt verdorren und abfallen läßt, auf daß ein anderes sich bilde. Ein jeder aber, gestehe er es sich ein oder nicht, ist n\iT Blüte aus uraltem Stamm — nur lebensfähig an sich, wenn der Stamm es ist. Die Wahrheit dieser Sätze — Binsenwahrheit, wenn man so will! — ist dem ersichtlich, der an die Quellen alles Werdens zurückgeht; dem verschlossen, der mit sich selbst Anfang und Ende der Dinge umfangen sieht. Ais ein Teil der Entwicklung des ewig Notwendigen sich zu fühlen, ist aber dem Occident kaum jemals möglich. Er glaubt den Anfängen des Menschlichen entwachsen zu sein und tut sich auf diese Tatsache etwas zugute, nicht spürend, daß er sich nur seiner eigenen Armseligkeit rühmt. Ein Stolzer zu sein und doch ein demutsvoll Erkennender, das ist des Orients Ruhmestitel. Er steht ganz im Schatten des Gewesenen mit seinen Füßen; bietet die Brust dem Lichte der gegenwärtigen Sonne dar und badet das Haupt im Nebel des Zukünftigen. Das Geheimnis des Gewesenen, des Seienden und des Werdenden hält er in priesterlichen Händen. Und so auch hält er alle Tiefen des Erkennens. Des Forschens nicht — des erfassenden Erkennens. Und darum war es auch dem Orient vorbehalten, die großen Geheimnisse des Göttlichen dem täglichen Fühlen des Menschen nahe zu bringen und sie gewissermaßen in sein Alltagsleben zu verweben. Das Streben des Morgenlandes war von je darauf gerichtet, die Religionen über das Dogmatische hinaus zu einem absoluten Empfinden zu erheben, das ddm Menschen ebenso unentbehrlich sein sollte, wie beispielsweise das Glücksempfinden beim Neuerwachen der Sonne. Wohl rein impulsiv, ohne Überlegung genießend, doch aber sich zu tiefst des Empfangenen bewußt. Die reinste Verkörperung dieses orientalischen Religionsgedankens ist ohne jeden Zweifel Mohammed, der Prophet. Man vergegenwärtige sich die geistigen Strömungen seiner Zeit und man wird ohne weiteres zu dem gleichen Schlüsse gelangen: Arabien war damals der Götzendienerschaft verfallen und zwar in besonders sinnloser Weise. Die Götter, die es anbetete, hatte es von Völkerschaften übernommen, die — im Aussterben begriffen — auch auf dem Gebiete des Transzendentalen nichts Lebenskräftiges mehr zu schaffen vermochten. Arabien selbst schuf diese Götter sich mir wenig