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Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-25 · Heft 18 (25.6.1917) · p. Seite 516

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 18 (25.6.1917)
Article
Die Ideologie des polnischen Antisemitismus
Date
1917-06-25
Page
Seite 516 (sequence 2)
Language
German
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516 brach, die ansässigen Bauern unterwarf und sie zu Leibeigenen machte. Später kehrte man den Sachverhalt um und erklärte, daß die Bauern sich nachträglich auf dem Grundbesitz der autochthonen Großgrundbesitzer niedergelassen hätten, und daß .diese infolgedessen das Recht hätten^ 'sie dauernd zu besteuern und auszubeuten. Ebenso unhistorisch ist die Auffassung, daß eine Bevölkerung, die seit Jahrhunderten in einem Lande sitzt, kein Recht an dieses Land besitzen solle. Vor allem aber ist typisch die Auffassung, daß nur der Pole im nationalen Sinne das Recht habe, im Lande zu leben, zu arbeiten und zu existieren, daß aber alle Einwohner Polens, die nicht der polnischen Sprache (und, wie man hinzufügen muß, auch der katholischen Religion) angehören, kein Recht darauf haben, im Lande überhaupt zu bestehen. Wie verkehrt dieser Standpunkt ist, erkennt man am besten, wenn man sich das Verhalten der Polen in Galizien gegenüber den Ukrainern klar macht. Hier bilden die Polen innerhalb eines völlig geschlossenen fremdsprachigen und sogar fremdreligiösen Gebietes eine winzige Minorität, und dennoch haben sie eine im höchsten Maße rücksichtslose nationalpolnische Herrschaft ausgeübt; hier beanspruchten sie, obgleich sie auch erst seit einigen Jahrhunderten zugewandert waren, das ausschließliche Recht ihrer Nationalität und Sprache. Und dem entsprechen auch die Ansprüche, die sio an die Zukunft stellen. Sie verlangen ganz Litauen und große Teile des heute fast vollkommen deutschen Oberschlesiens und Westpreußens für sich, ganz gleichgültig gegen die Tatsache, daß heute dort mindestens gewaltige Minoritäten anderer Sprache, zum Teil anderer Religion und anderer rassenhafter Abstammung leben. Man sieht, daß sich unter den überzeugenden Reden weiter nichts verbirgt als der allernaivste Klassen- und Rassen-Egoismus. Polen ist kein geschlossener Nationalstaat; die Minoritäten, die sogar im Kernlande Polen sitzen, sind denn doch allzu groß, als daß man sie vernachlässigen und vollkommen unterdrücken könnte. Polen kann seiner ganzen Natur nach, und zwar je größer es geschnitten wird um so weniger, nur ein Nationalitätenstaat sein. Die Polen werden sich trotz aller ihrer nationalen Ansprüche damit abfinden müssen, den Litauern, den Ukrainern, den Deutschen und vor allem den Juden, die immerliin ein Sechstel bis ein Siebentel der Bevölkerung darstellen, die Existenzrechte zu gewähren, auch wenn sie sich auf die Dauer weigern sollten, sich zur polnischen Sprache und katholischen Religion zu bekehren. Es ist merkwürdig, daß die vom Schlage Ilski nicht merken (oder so tun als wenn sie nicht merkten), daß die Argumente, die sie gegen die Juden anwenden, mit der gleichen Schärfe auch gegen die Deutschen, z. B. die evangelischen Reichsdeutschen von Lodz, Anwendung finden müßten; und wenn sie so tun, als wenn das Deutsche Reich es dulden könnte, daß Beine Konnationalen polonisiert würden, selbst wenn sie n sich dagegen zu sträuben geeonnen sind. Alle Hoffnung Europas beruht heute darauf, daß der alte Nationalitätenstreit beseitigt wird, daß den Minoritäten überall, nicht mir in Polen, sondern auch in Deutschland, in Flandern, auf dem Balkan, in Rußland, und wo sonst Minoritäten unter Mehrheiten sitzen, die national-

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