Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 18 (25.6.1917)
- Article
- Die Ideologie des polnischen Antisemitismus
- Date
- 1917-06-25
- Page
- Seite 517 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908708-2909885--0847-2909905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
517 kulturellen Rechte in vollem Ausmaß gewährt werden. Man hätte die Hoffnung liahen können, daß die Polen, die jetzt beginnen, ihr neues Haus aufzubauen, es mit den Mitteln der neuen Erfahrungen modern und wohnlich für alle Einwohner ihres Landes auszugestalten beabsichtigen. Aber die polnische Bourgeoisie, deren Wortführer die Ilski und Genossen sind, beginnen genau dort, wo sie vor 150 Jahren aufgehört haben. Sie wollen offenbar alle die Torheiten, die die europäischen Nar tionalstaaten gemacht haben, in-verschärftem Maße wiederholen. Man darf nur hoffen, daß aus dem Inneren des Landes selbst andere Gruppen und Klassen, die Bauernschaft^ die Arbeiterschaft, erstehen werden in genügender Kraft, um derartige Experimente hintanzuhalten, die das Gedeihen des neuen Staates auf das äußerste gefährden müssen. Sollton sich solche Kräfte im Inneren des Landes nicht finden, so wird man hoffen müssen, daß die allgemeinen gewaltigen Kräfte, die heute Europa zu neuen Zielen auf neuen Wegen vortreiben, stark genug sein werden, um auch über die Velleitäten der polnischen Bourgeoisie fortzukommen- Wenn das nicht geschieht, wenn sich nicht eine paneuropäische öffentliche Meinung bildet, stark genug, um durchzusetzen, daß die Frage der nationalen Minderheiten in genau dem gleichen Geiste und mit denselben Mitteln gelöst wird, wie vor 400 Jahren die Frage der religiösen Minderheiten, dann hat man schwarz in die Zukunft Europas zu sehen. Dann wird es sich in-ewigem Krieg erschöpfen, bis es auf dem Standpunkt des heutigen Vorderasiens herabgekommen sein wird, das auch einmal ein gewaltiges blühendes, reich bevölkertes Kulturzentrum gewesen ist, und das heute eine Wüste ist, die von wilden Völkerschaften bewohnt ist. Dann wird die Kultur der Welt eine neue Zuflucht über der See suchen müssen, dort wo gewaltige einheimische Staatswesen mit einheitlicher Sprache, einheitlichen Wirtschaftsbedürfnissen und einheitlicher Kultur der Zivilisation neue Möglichkeiten des Aufschwungs gewähren. Die Rede des Herrn Dr. K. Ilski im Warschauer Stadtrat. . Im Warschauer Stadtrat hat sich ein Stadtverordneter einen großen, obwohl traurigen Ruhm erworben: Dr. Konrad Ilski. Man hat ihn als einen besonders ausgesprochenen Judenfresser verschrieen — mit Unrecht! Er ist nicht mehr und nicht minder judenfeindlick als die übrigen Herren im Stadtrat und im Magistrat — denn was Herr Dr. Ilski spricht, wird durch die ausführenden polnischen Behörden - in die Tat umgesetzt. Herr Dr. Ilski ist nur das enfanttcrrible, er ist offenherziger und legt deshalb aufrichtig an den Tag, was die anderen -durch Stillschweigen oder durch unklare Redensarten zu verschleiern suchen. Es verlohnt sich deshalb den Gedankengang des Herrn Ilski näher kennen zu lernen. Sie dürften nicht nur für Juden interessant sein, sondern überhaupt für all diejenigen, die beizeiten sich einen Begriff darüber bilden wollen, wie sich die zwischenvölki sehen Beziehungen im künftigen „freien" Polen gestalten werden. Denn der polnische Antisemitismus ist nicht nur der Judenhaß... Mitte Mai d. J. hat Dr. Ilski eine große politische Rede gehalten. Es handelte sich um eine Umfrage zur Untersuchung der Lage der Handwerker, um ihnen aus städtischen Mitteln Unterstützung zu er-