Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 512 (sequence 4)
- Language
- German
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m Aufgabe des persönlichen Individuums. Es ist nicht genug, Jesaja, Jeremia und die Psalmen zu rühmen dafür, daß sie ein neues Herz und einen neuen Geist von Gott erflehen und verheißen: man wird Jecheskel nicht gerecht, wenn man sich nur an seine scheinbare Reaktion in der Beibehaltung des Opfers hält* und darüber versäumt, die Umgestaltung, die Verwandlung des Opfers zu begreifen, welche er aus seinem neuen Gedanken der Versöhnung und der Erlösung ableitet. „Werfet von euch alle eure Missetaten und machet euch ein neues Herz". Das ist ein ganz neues Wort, von dem die Propheten vor Jecheskel nichts gesagt haben. Nicht Gott soll das neue Herz machen, sondern der Mensch selbst soll sich das neue Herz machen. Und er könne dies, insofern ihm die Aufgabe zufällt, von allen seinen Missetaten sich selbst zu befreien, sie von sich zu werfen, sein Ich nicht mit seinen Sünden andauernd behaftet zu denken. Das ist der Sinn der Versöhnung, welche der absolute Monotheismus anstrebt und vollzieht. Der Glaube an den einzigen Gott ist der Glaube an den guten Gott. Und in nichts anderem besteht und vollendet sich die Güte Gottes als in der Sündenvergebung. „Denn bei dir ist die Vergebung, auf daß du gefürchtet werdest'*. So lautet der Psalm. Und so auch verbindet der Psalm „gut und vergebend". Die Güte Gottes aber würde ebenso aufgehoben, wie seine Einzigkeit, wenn ich zum Glauben an den vergebenden Gott noch eines anderen Glaubens bedürfte. Und ebenso würde das Verhältnis der Menschen zu diesem einzigen guten Gott verletzt, wenn ich dieSündenvergebung erlangen könnte durch irgend ein anderes Mittel, durch irgend eine andere Idealisierung als die meiner selbst. Ich habe die Kraft, alle meine Missetaten von mir hinwegzuwerfen und mir selbst ein neues Herz zu schaffen. Diese Kraft ist meine Menschenkraft, die mir Gott verliehen hat. Auf diesen Gott blicke ich hin, wenn ich alle meine Missetaten von mir werfen und ein neues Herz mir machen will. Auf diesen Gott allein blicke ich dabei hin; denn an ihn glaube ich, als den einzigen, der gut ist. Ein sonderbares Mißverständnis habe ich in jüngster Zeit erlebt, über das ich hier berichten darf, weil es von einer typischen Bedeutung ist, die über mein eigenes Erleben hinausreicht. W. Herrmann, ein Mann, der über ein Menschenalter meine, Arbeit mit Wohlwollen und Verständnis begleitet, der auch an der schmalen Grenze von Philosophie und Religion, ich darf wohl sagen, sich mir zur Seite gestellt hat, derselbe philosophische Theologe hat nun meinem „Begriff der Religion im System der Philosophie" eine Besprechung in der „Christlichen Welt" gewidmet, die nicht mich allein befremdet haben dürfte. Weil ich die Offenbarung durch Christus in jeder Form ablehne, werde ich nun beschuldigt, nach aller meiner Lebensarbeit für das freie Recht der philosophierenden Vernunft, in das Mittelalter zurückgefallen zu sein. Wie ein solcher Widerspruch psychologisch verständlich werde, wird nicht erörtert. Daliingegen wird nun aber die Möglichkeit dieses Vorwurfs aus der Befangenheit verständlich, welche über den Horizont des Christusglaubens nicht hinwegzublicken vermag. Ich brauche indessen den OffenbarungBbcgrilf Herrmanns gar nicht anzugreifen; ich brauche ihm