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Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-10 · Heft 17 (10.6.1917) · p. Seite 513

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 17 (10.6.1917)
Article
Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
Date
1917-06-10
Page
Seite 513 (sequence 5)
Language
German
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513 nicht den Vorwurf zurückzugeben, daß er die Dialektik des Mittelalter« fortsetze —, denn ich sehe in dieser Fortentwicklung gar keinen Nachteil. Sobald Christus, anstatt als einer geschichtlichen Tatsache; und Person, in Form einer Idee gewürdigt wird, so lebt der beste Sinn des christlichen Altertums und der tiefste Zug des Mittelalters fort, und in diesem Fortleben vertieft sich die protestantische Dogmatik viel kräftiger und echter als in dem Pochen auf dieFaktizität einer geschichtlichen Person. Ein Anderes aber ist es, die Weltgeschichte in einem bisherigen Ilauptteile verstehen zu wollen, ein Anderes aber, sie fortzuführen in dem kleinen Winkel, den Gott uns für unser Dasein und für unser Wirken zur Anerkennung seiner Einzigkeit in der bisherigen Geschichte besehieden und nach unserem Glauben für alle Ewigkeit verheißen hat. In diesem unserem Glauben erkennen wir den unerschöpflichen Grund der Offenbarung in unserem Herzen. Und in diesem Glauben an diese Offenbarung im Menschenhcrzen erschaffen wir uns unaufhörlich ein neues Herz und einen neuen Geist, erschaffen wir uns immerdar unsere glaubige, unsere verantwortliche Persönlichkeit. Für uns gibt es keinen Gegensatz zwischen Glauben und Werken. Denn wir haben keine Werke der Kirche. Wir haben, wie es in unserem Gebet am Versöhnungstage heißt: „keinen Priester und kein Opfer'1. Die Werke unserer Frömmigkeit sind lediglich die Werke unseres Glaubens. Und unser Glaube ist nicht etwa lediglich ein geschichtlicher Glaube an eine schriftliche Urkunde, sondern diese selbst ist auf unser Herz zurückgeführt, und auf den Bund, den heute und alle Tage jedes lebendige Wesen mit Gott zu schließen hat. Wir bedürfen daher für die Begründung unseres Glaubens des Protestantismus nicht, der selbst vielmehr wahrlich nicht allein aus den Evangelien oder gar aus Paulus seinen Glauben nach seiner weltgeschichtlichen Bedeutung schöpfen konnte, der für Luther vielmehr aus den Psalmen sich erschloß, und für die Folgezeit noch immer tiefer aus den Propheten ergründet wird. Wir leben allerdings in gewisser Weise noch im Mittelalter mit unserem Glauben, nämlich in unserem Mittelalter, in dem unsere Religionsphilosophen blühten, als deren Haupt wir Maimonides verehren, den übrigens auch die Vorreformation besonders nach seiner Bdceutung erahnt hat. Der erste deutsche Philosoph, der Kardinallegat Nikolaus von Cues, hat sich für die Attributenlehre, mithin für das Grundproblem der Erkenntnis Gottes, auf ihn berufen. Unser Mittelalter ist ein anderes als das christliche Mittelalter. Ich kann nun aber mit einem tröstlicheren Hinweis diese Auseinandersetzung abschließen. Auf meinen Artikel in diesen Monatsheften, der vom Leiden handelte, schrieb mir ein philosophischer Freimd: „Judo oder Christ, Jude oder Deutscher — wir müssen dahin kommen, daß, sowie dies zweite ,oder' anstößig ist, auch das erste es sei. Außer im Sinne der Pietät, den Sie so sehr und gewiß mit Grund und mit Recht betonen, für das ich übrigens überall, wenn ich darauf hinweise, Verständnis finde.'4 Diese Einsicht meines Freundes muß der Wahrspruch des künftigen nationalen Lebens in unserem deutschen Vaterlando. werden. Wie Jude, oder Deutscher, anstößig ist, so muß es auch

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