Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 511 (sequence 3)
- Language
- German
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511 dennoch eigentlich eine Schöpfung der Vernunft ist, welche, als solche, y.um Glauben sich ausprägt, so ist dieser Christus des Glaubens nicht sowohl schlechthin die Gestalt einer schriftlichen Urkunde, als vielmehr die Schöpfung des Glaubens, die, wie der Glaube selbst, immer nur eine Aufgabe des gläubigen. Individuums ist, welche in dieser Schöpfung ihre gläubige Persönlichkeit zu erzeugen und immerdar zu behaupten hat. So können wir uns den protestantischen Glauben in seiner geschichtlichen Weltmacht verständlich machen, um uns in dieser protestantischen Welt mit unserem Monotheismus und unbeschadet desselben heimisch zu machen. Wir können uns so die feinste Idealisierung dieses protestantischen Glaubens gefallen lassen, ihr Sympathie widmen und zu ihrer Fortentwicklung an unserem Teile mitarbeiten, ohne daß wir darum auch dem Katholizismus gegenüber die geschichtliche Pflicht der Idealisierimg schlechterdings aufgeben müßten. Wir stellen eben als absolute Monotheisten, die wir in jeder Form der Identität eine Vermittlung zwischen Gott und Mensch abweisen, in unbefangener Objektivität diesen christlichen Konflikten gegenüber, so daß wir den freien geschichtlichen Blick uns offenhalten können für den Portgang dieser religiösen Entwicklung. Es ist eitel Wahn, daß wir außerhalb dieser religiösen Welt ständen, so daß die Meinung entstellen könnte, als müßten wir in eine dieser Kirchen eintreten, um in die lebendige Geschichte der Religion einzutreten. Denn ist es etwa nicht der Urgrund unserer Religion, welcher in allen diesen Entwicklungsformen des Christentums fortlebt und fortwirkt? Betrachten wir nur in kurzer Erwägung, wie sich jene Innerlichkeit des Glaubens, welche der Kirche und den Urkunden gegenüber auf die freie Persönlichkeit sich zurückzieht, wie sich diese Innerlichkeit des persönlichen Glaubens auch ii\ unserem Monotheismus hindurchringt. Man spricht soviel in der modernen Bibelforschung vom Deuteronomium, aber sein tiefster Sinn, so offenbar er ist, bleibt doch verschlossen. Unerkannt und unerwogen bleibt das Wort: „Denn diese Lehre ist dir nicht fern, noch wunderhaft verborgen; sie ist nicht im Himmel, so daß du sprechen müßtest: wer steigt uns hinauf zum Himmel und holet sie uns, sondern in deinem Munde und in deinem Herzen ist sie, um sie auszuführen." Die Thora ist nicht im Himmel, sondern im Munde, mithin in der Sprachvernunft und im Herzen des Menschen. So nistet sich das Deuteronomium gegen das Vorurteil einer Faktizität der göttlichen Lehre, die der unvermeidlichen Subjektivität des Menschen etwa zu widerstehen vermöchte. Und sogar gegen die Offenbarung am Sinai wird Front gemacht. Denn nicht mit unseren Vätern hat Gott am Morel) den Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir hier heute am Leben sind. So wird der Bund von dem Schein einer vergangenen Tatsache befreit und lebendig und innerlich gemacht für eine gegenwärtige Generation, die sonach zum Trager und Vorbild wird für alle Generationen der Zukunft. Und wie hierdurch die Offenbarung zu einer Aufgabe des persönlichen Glaubens wird für jedermann und für allezeit, so wird die Versöhnung mit Gott, die Erlösung durch Gott zu einer ausschließlichen