Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 510 (sequence 2)
- Language
- German
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510 Dies ist der eigentliche Sinn des neuen Glaubens: die eigene persönliche, also immerhin subjektive Verantwortlichkeit des religiösen Gewissens, die nicht aufgeht in dem Schutz und in der Allgewalt der Kirche, sondern vielmehr der Kirche selbst erst einen wahren Gehalt erobern will aus den Tiefen des persönlichen, des sittlichen Selbstbewußtseins. Auf diese Entdeckung der Persönlichkeit ist die „Freiheit des Christenmenschen4* gerichtet, in welcher Luther die neue Religiosität begründet. Indessen, wenn schon die Freiheit für die Ethik das schwierigste Problem bildet, so wird es verständlich, daß sie für den Begriff des Christenmenschen, mithin für den Glauben zu einer gewaltigen Antinomie wird. Liegt auch die Quelle dieser christlichen Freiheit lediglich in der sittlichon Vernunft, welche allein die Quelle der ethischen Freiheit ist? Oder aber hat die christliche Freiheit in dem Grunde ihres Glaubens doch noch eine, andere Quelle, anzuerkennen außer dem Glauben der Vernunft, außer der Vernunft des Glaubens? Nur wenn diese Frage eine klare Antwort findet, kann der Kampf des Glaubens gegen die Kirche und ihre Werke zu einer klaren Entscheidung führen. Es gehört zu den geheimsten Triebkräften des protestantischen Glaubens, daß der Begriff Christi zum Wechselbegriffe wird für „das Wort Gottes". Das Wort Gottes, die Heilige Schrift, ist die Stütze der Kirche, welche durch ihre Kanonisierung und ihre authentische Auslegung die Autorität der Schrift verbürgt. Sollte daher die Kirche entrechtet werden, so mußte der neue Glaube die'Schrift von ihrer Buchrftilblichkeit befreien und zu einer neuen Idealisierung bringen, welche die der Kirche zu entkräften und zu übertreffen vermöchte. Eine solche Idealisierung bildet nun im protestantischen Glauben Christus selbst, der an die Stelle des Wortes Gottes tritt. Indem der Protestant den Glauben an Christus einsetzt für den Glauben an die Schrift, vermeint er des Buchstabenglaubens an eine schriftliche Urkunde enthoben zu sein. Die Urkunde hat ein zeitliches Gepräge mit allen zeitlichen Nebenumständen; Christus aber — ist denn aber Christus nicht selbst auch ein zeitlicher, mithin ein literarischer Charakter? Bleibt mithin die Berufung auf ihn nicht trotz alledem die auf eine literarische Erscheinung? So sollte man denken. So hat auch immer und besonders scharf in den letzten Jahren der Kampf gegen die Geschichtlichkeit Jesu eingesetzt. Der protestantische Glaube hingegen ist aus der deutschen Mystik hervorgegangen, und für diese ist nicht die Geschichtlichkeit einer literarischen Urkunde die sprudelnde Quelle, sondern vielmehr die Vernunft in aller ihrer Subjektivität, in allen ihren Tiefen und Untiefen. So wird für Luther selbst schon Christus zu einer Idealfigur des Glaubens. Und nur darin begründet sich die Neuheit und die Aufrichtigkeit dieses Glaubens, als einer geschichtlichen Grundkraft: daß dieser Glaube nicht in einer geschichtlichen, noch literarischen Tatsache begründet wird, sondern in dieser Idealgestalt, in diesem Gebild der religiösen Phantasie, welches mit Benutzung der Evangelien als Christus benannt wird. Da nun aber dieser Christus, wenngleich ans dem Material der Evangelien und in freier Benutzung der Propheten und der Psalmen,