Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Bemerkungen zu den chassidischen Geschichten des Jizchok Leib Perez [Rezension]
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 504 (sequence 3)
- Language
- German
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504 sondora ihm nahe verwandt ist in seiner Gerichtetheit, hat diesen Zug der Geistigkeit. Natürlich ist ihm als Dichter das Außen, die Welt, mehr als vielen Chassiden, denen die Versunkenheit in die innere Welt das Wesentliche ist. Aber auch bei Perez ist die völlige Aullösung de« Gefühls in die Gegenständlichkeit, dio künstlerische Versinnlichung selten. Sic scheint mir in der Erzählung „Zwischen zwei Bergen" vorhanden, Meist liegt der Ton mehr auf dem Pathos als auf dem Irdisch-Gestalterischen, jene speziell orientalische Akzentverteilung, die wir in der Bibel oder im Mythos der Babylonicr sehen im Gegensatz zu der sinnlichen Ausgestaltung bei Griechen und Ägyptern. Die „Chassidischen Geschichten" sind in den verschiedensten epischen Formen geschrieben. Icherzählungen wechseln mit objektiv gelösten. Kurze Momente aus dem Leben chassidischer Rabbiner, Streiflichter über Charaktere und Milieu des chassidischen Ostens, Auseinandersetzungen über das cha&sidische Wesen, gleichsam Glaubensbekenntnisse in Plauderform, Lebensgänge, Ereignisse, wohl vielfach mit Verwendung der im Volke lebendigen Motive. Manches so ganz aus jenem Vorsteliungskrois heraus geschrieben, daß es dem Außenstehenden schwer wird, den tieferen Sinn zu verstehen. Viele Geschichten sind nicht von der Geschlossenheit und Losgelöstheit, daß wir sie. im Zeitalter des Part pour Part als fertige Kunstwerke bezeichnen könnten. Aber durch alle (mit verschwindender Ausnahme derer, wo etwas viel Erdachlheit die epische Abrundung hervorbrachte) geht ein starker Gefühlsstrom, dringt ein liebendes, sensibles Menschenherz. Es ist ein Gefühl mit chassidischen Idealen. Das Musikalisehe. der Rhythmus, im Gegensatz zum Wort; die Freude im Gegensatz zur Pflicht; Volk im Gegensatz zur Gebildetheit; die Laienhaftigkeit im Gegensatz zur Gelehrtheit; das Aufgehen der Seele im Gegensatz zu Vereinzelung und Hochmut; das Tun im Gegensatz zum Sagen; die Weichheit gegen die Härte; die Ruhe gegen die Betriebsamkeit; das sind die Inhalte dos Perezschen Gefühls, welche zumeist in dem Gegensatz von Chassidim und Misnagdim versinnbildlicht werden. (Der empfindlich Beobachtende sieht auch die Westjuden noch deutlich in diese beiden Wesensgruppen zerfallen.) Das Mitleid mit seinen Volksgenossen, die unter jenen furchtbaren wirtschaftlichen Verhälttiisvsen leben, gibt dem Dichter oft .de Feder in die Hand. Dann ist die Einkleidung zuweilen künsterisch-roh; das Gefühl, daß ausgedrückt weiden soii, liegt gleichsam bloß und deutlich in dem Erzählten. Die Charaktere, die Perez malt, sind immer Menschen, denen das materielle Leben keinen Pfennig wert ist, das ideelle, das seelische alles. Das ist das ungeheure Ethos dieses Buches, ein Phänomen gesotzt gegen dio westliche Kultur, das Ethos des verachteten Ostlichen Juden. Es steht nicht zur Frage, was der Inhalt dessen ist, wofür jene Juden sich hingeben; öie können sich hingeben, sie haben noch die tiefe Religiosität, die sie zwingt, für ein Überirdisches zu leben und zu sterben. Wir hier kennen nur eine Uitung im Handeln: die Zweckmäßigkeit, dio Nutzhaitigkeit, das Gebot