Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-10 · Heft 17 (10.6.1917) · p. Seite 503

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 17 (10.6.1917)
Article
Bemerkungen zu den chassidischen Geschichten des Jizchok Leib Perez [Rezension]
Date
1917-06-10
Page
Seite 503 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908707-2909838--0824-2909868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

503 wollen: Freude am Dasein, Gemeinschaftsgefühl, Menschenliebe, Zurücktreten der Person vor einem Transzendenten, Ganzheit, Die Äußerungssphäre; in die diese Gefühle dort einlaufen, ist dio altbiblisch-talmudische. Sobald sie der Gesa m t hei t heutigen Lebens zuströmten, wäre, wie mir scheint, die neue Religiosität mit speziell jüdisch gefärbten Individuationen da. Der Gründer des Chassidismus, der Baal-Schern, war einer der stark Erlebenden, der starr gewordene Dogmen wieder mit Blut durchpulste. Einer von den alle paar Jahrhunderte auftretenden Erneuerern, denen, weil sie mit einem ganzen großen Herzen empfinden, die alte totgewordene Form Götzendienst ist und das Wesen selbst wieder Gottesdienst. Die deshalb von den Hütern der alten Gesetze den Namen Ketzer erhalten. So ist es immer dasselbe Spiel: ob Amenophis IV. von Ägypten gegenüber dem alteingewurzelten Amonskult den Gott einer neuen pantheistischen Intuition, die Sonne, als einziges zu verehrendes Wesen einführen wollte, ob Christus predigt, daß der Ritus Nebensache sei vor der Gesinnung, ob Luther gegen eine Religion, die mehr Kircheninstitution als Glaube geworden war, Front machte, ob die cliassidischen Rabbiner das T u n nach dem Gesetze höher werten als seine K e n 11 t n i s. Die schöpferischen Erneuerer protestieren gegen die Mechanisierung der Religion und setzen als ihren neuen Inhalt die Notwendigkeiten des neuen Menschentums, das sie in sich selbst an Stelle des Nachbeteapparates vorfinden. Der Inhalt, den der Baal-Scheni und seine Schüler der neuen cliassidischen Lehre gaben, ist so wie er gegeben wurde, natürlich nicht für den europäischen Juden als Religion aufzunehmen. Dazu herrscht in ihr einerseits noch zu stark die Überlieferung, andererseits ist sie in ihrer Betonung des Ekstatischen — eine natürliche Konsequenz der .Ganzheit — zu „orientalisch". Auch die östlichen Juden werden, zumal nach den jetzigen politischen Ereignissen, sehr bald ganz in den westlichen Kulturkreis hineingezogen werden. So könnte man die chassidische Bewegung, die etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann, — in ihrem Protest gegen die Einschnürung durch die vLehre", aber noch in ihrem Anschauungsbann bleibend, — als Vorläufer eines neuen Protestes nehmen, der unter den osteuropäischen Juden dann in größerem Maßstabe gegen die alten Anschauungen überhaupt erhoben werden wird, wenn das neue wohl größtenteils „europäische1' Menschentum dorthin genug gedrungen ist. Dann werden die guten seelischen Kräfte des Chassidischen zu der neuen Gegenwartsreligiosität überleiten. Dio -Mythen des Chassidismus, das heißt die bildhaften Ausdrücke oder Umschreibungen des cliassidischen-Gefühls, geschaffen von einzelnen Religiös-Visionären oder ganzen Volkskreisen, sind, der jüdisch-orientalischen Seelenbeschaffenheit gemäß, meist abstrakt, nich shmlichgegenständiieh, sondern eher spekulativ, mehr philosophisch als dichterisch; Auch Perez1), der nicht nur das chassidische Leben liebt, r l) Des JLzchok Leib Perez Chassidische Geschichten. Aus dem Jüdischen von AI exander Elia s b e r ff, K. Löwit-Verlag; ■ Wien-Berlin 1917.. Preis geh.. M. 4.-—.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.