Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Jüdischer Nationalismus
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 500 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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500 Bewegung wird aber durch. „Zion" (Palästina), welches die Rolle des Vaterlandes spielt, eine um so entscheidendere Wandlung erfahren, mag Zion auch heute nicht mehr unbedingt als Grundlage des jüdischen Nationalismus gelten. Siegt die Entente, so kommt Pallistina in die Hände Englands, welches der jüdischen Nation gewiß keine „öffentlichrechtliche Heimstätte" in Palästina bereiten, sondern nicht anders wie m Ägypten vorgehen wird. Von den Lockungen, die Amerika und England an die Zionisten ergehen ließ, werden diese nicht mehr halten als von den Lockrufen des Zaren, die er seinerzeit an die polnischon Juden richtete. Siegen die Mittelmächte — wie wir zuversichtlich hoffen —, 80 wird niemand die Türkei zu einer anderen, als der bisher hinsichtlich der zionistischen Pläne, bekundeten Haltung beeinflussen wollen. Auf alle Fälle aber wird eine Spaltung zwischen den Jüdisch-Nationalen in den Ländern der Entente und der Mittelmächte eintreten. Da die für die nationale Wiedergeburt ausschließlich in Frage kommenden Massen Rußlands und Polens, nunmehr frei geworden, weder mich Palästina* weh nach dem Wösten auswandern werden, bringt dies den jüdischen Nationalismus vor eine gänzlich veränderte Lage. Das Hauptgebrechen der Herzischen jüdisch-nationalen Idee lag nicht nur in der Verkennung der geschichtlichen und soziologischen Entwicklung, sondern liegt heute, so widerspruchsvoll dies klingen mag, mehr wie je, in den Erfolgen, welche Schlagworte erzielen. Dieser Erfolg, lediglich auf ethischer Grundlage beruhend, konnte die moralische Rettung der jüdischen Jugend, ihre Erziehung zum selbstbewußten Geschlecht, ihre Wiedergewinnung für das Judentum bewirken. Diese Leistung kann wahrlich nickt hoch genug angeschlagen werden, und niemand vermag heute zu entscheiden, ob es möglich gewesen wäre, ohne die phantastische Zionsfahne dasselbo zu erreichen, ob dieselbe Wirkung erzielt worden wäre, wenn lediglich der Appell ergangen wäre, als „Juden" Menschentum und volles Bürgerrecht zu erringen. Wohl gehörte eine, ungewöhnliche Sehergabe dazu, um die den grundverschiedensten Kulturkreisen angehörenden Juden auf eine Jdeologio oia&uschwören. Damit wurde aber die Zusammengehörigkeit, welche — wie Herzl selbst sagt — nur „in der Religion der Väter" vorhanden ist, nicht zur nationalen, wie dies wohl alle Westjuden, dio in diesem Kriege erst die gänzlich anders geartete Welt des Ostjudentums können gelernt und gar oft „entdeckt" haben wollen, zweifellos bestätigen werden Man darf heute ruhig behaupten, daß selbst in der jüdischen Volksj maase des Ostens mit ihrer besonders ausgesprochenen „Acculturation" — um einen Ausdruck Franz Oppenheimers zu gebrauchen — niemand für die jüdische „Nation" eintreten wird, sobald dio Schranken gefallen sind. Man gebe dem Ostjuden Licht, Luft und freie Willensbotätigung, und es werden schon in der nächsten Generation Massen den jüdischen „Nationalismus" ebenso schnell ablehnen, wie &io der slawischen Kultur anheimfallen werden. Und wenn Franz Oppenheimer *), der Zionist, ausdrücklich darauf hinweist, daß ..die Juden" in l) „Süddeutsche Monatshefte", Februar 1916. S, 725 ff.