Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Jüdischer Nationalismus
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 499 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908707-2909837--0818-2909864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
499 Wer die kaum ein Menschenalter bestehende jüdische Nationalbewogung, von deren Werdegang mir Wenige eine Ahnung haben, bekämpft, wer darauf hinweist, daß Losungswort und Entwicklung keineswegs zusammenhängen, daß sie vielmehr nur eine Wiederholung jenes tausendjährigen bewunderungswürdigen Protestes, jener unversiegbaren religiösen Kraft ist, dem wird entgegengehalten, daß dies angesichts der „nationalen" Erfolge unrichtig sei. Und mit einer gewissen Berechtigung wird einem die Ethik, — die immer im Rechte ist, — vor Augen geführt, die auf Seiten der Träger dieses nationalen Gedankens ist, während die Gegner, — wie dies leider nicht bestritten werden kann, — dieser Ethik meistens entbehren. Kaum mehr wie zwanzig Jahre sind verstrichen, seitdem diese jüngste aller nationalen Bewegungen als Zionismus das Licht der Welt erblickt hat. 1894 hatte der ehemalige deutschnationale Student Theodor H e r z 1, der Begründer und Vorkämpfer der Partei, in einer Rezension von Dumas „Ferame de Claude" noch geschrieben: „Der gute Jude Daniel will die Heimat seines Stammes wiederfinden und seine zerstreuten Brüder heimführen. Doch ein solcher Daniel weiß, daß den Juden mit ihrer historischen Heimat nicht gedient wäre. Es ist kindisch, die geographische Lage dieses Landes zu suchen.....Und wenn die Juden wirklich heimkehrten, so würden sie am andorn Tage entdecken, daß sie längst nicht mehr zusammengehören. Sie wurzeln seit Jahrhunderten in neuer Heimat, entnationalisiert, voneinander verschieden, in einer Charakterähnlichkeit nur durch den sie überall umgebenden Druck erhalten" („Neue Freie Presse", 16. Oktober 1894). Drei Jahre später (1897) fand unter Herzls Vorsitz der erste Zionistenkongreß in Bassel statt. Den Begriff „Nation" formulierte Herzl: „Nation ist eine Gruppe von Menschen, die erkennbar zusammengehören und durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten werden" (Theodor Herzl, „Zionistische Schriften" S. 175), ferner: „Wir Juden erkennen unsere historische Zusammengehörigkeit nur im Glauben der Väter" (ebenda, S. 100). Die „Zusammengehörigkeit der Juden" ist nach Herzls Formulierung also keine nationale, sondern ausschließlich als religiöse „erkennbar", während der Zusammenhalt selbst nur durch den Feindeshaß erklärt wird. Ja, die ganze Existenz der Juden will Herzl im Feindeshaß erblicken, indem er ausdrücklich (ebenda, S. 63) sägt: „Vielleicht könnten wir überall in den uns umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen hindurch in Ruhe ließe". Und der Zionist Zangwili meint mit noch weniger Zuversicht (The War God): „Had Christians handled us with Chrislines, therc would not be a Single Jew in Europe." Von der dem Judentum innewohnenden universellen Mission ist, wie man sieht, ebenso wenig die Rede wie von nationaler Kultur. ' Mit der russischen Revolution muß nun eine. Wendung nach mehr als einer Richtung einsetzen, bei den Juden ebenso, wie bei den sozialistischen Proletariern, die überall begeistert für ihr Vaterland kämpfen, obwohl sie nach Marx „kein Vaterland" haben. Die jüdisch-nationale