Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 496 (sequence 10)
- Language
- German
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496 ■weise der einfuchste Jude, don man auf der Straße anspricht, der nach seinem Äußeren den Proletarier nicht verleugnet und es auch tatsächlich ist, Rede und Antwort steht, wenn man ihm durch gewisse Fragen zu erkennen gibt, daß man sich ernstlich für sein und seines Volkes Schicksal interessiert. Oft wird man nach wenigen Minuten inne, daß hier eine Denkschulung vorhanden ist, der sich ein Üniversitätsstudent nicht zu schämen braucht. Die Verbreitung eines solchen Maßes von Bildung erklärt sicli mit der im Ostjudentum weit stärker als im Westjudcntubi vorbreiteten Anschauung, daß es für jeden Gläubigen als höchstes Ziel gelten muß, sich don „heiligen" Büchern zu widmen. Und das ist geradezu ausschlaggebend. Eine wirkliche Umgestaltung der Volkstreuo wäre m. E. nur in der Unterbindung dieser spezifisch ostjüdischen Bildung mit dem Aufstieg vom Cheder zur Jeschiwa zu erreichen. Also doch sehr einfach durch eine Roformdos Schulwesens!? Vollständige Polonisierung des jüdischen Unterrichts!? — Ich vermag daran nicht zu glauben. Man bofände sich doch sehr im Irrtum, wenn man damit rocliuen ^Yollte, daß man auf diesem Wege die fest eingewurzelte jüdische Bildungstradition entwurzeln könne. Die Religion und was mit ihr zusammenhängt wird koin Staat den Juden zu nehmen wagen, und dtese spezifisch jüdische Bildung, diese Hingabe * an Thora und ihre Auslegung, das alles ist Bestandteil der jüdischen Religion geworden, nur mit der Eigentümlichkeit, daß an diesem Teil der Religion auch die Nichtmchrreligiösen festhalten. Alle diese Umstände wirken der Assimilation schlechthin und nicht bloß unter der Voraussetzung entgegen, daß die jüdische Bevölkerung agglomeriert lebt. Das lieißt nichts anderes, als daß die Wahrscheinlichkeit regerer Assimilicrungsvorgänge durch Zerstreuung gering ist. Es hat ja den Anschein, als ob die russische Revolution in dieser Richtung eine neue Sachlage gebracht hätto, und neu ist die Sachlage ja gewiß dann, wenn für <fie Juden die gesotzliche Freizügigkeit mit den neuen Vorfassungsverhältnissen gewonnen wird. Ob aber die Assimilation damit rasch ein broiteres Strombett gewinnt, d. h, in die breiten Massen Eingang findet, ist noch eine andore Frage. Selbst ein so überzougtor Assimilationspolitiker wie Kautsky4) vermag für den Fall der Gewinnung der Freizügigkeit für die Juden in Rußland an einen raschen Assimilationsprozoß nicht zu glauben, weil, wie er selbst sagt, dort der Emanzipationskampf der Juden zu einer stärkeren Hervorhebung ihrer Eigenart geführt habe. Begnügt man sich, unter der Assimilation nicht mehr als die Verbreitung der M e hr h e i t s s p r a c h e unter den Juden zu verstehen, dann hat Kautsky natürlich recht, wenn er meint, daß mit der Auflockerung der Siedlungshäufung einerseits und der stärkeren Vorsprengung der Juden über das ganze Reich hin dio russische oder polnische Sprache in breiten Kreisen der Ostjuden 4) „Hasse und Judentum" S. 92.