Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 495 (sequence 9)
- Language
- German
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495 handenseins einer besonderen jüdisch-sozialistischen Organisation, des ..Bundes", kann nicht anders denn als ein starkes Symptom für das jüdische Volksbewußtsein mit differenzierendem Zusammengehörigkeitsgefühl in den Proletarierkreisen angesehen werden. Wenn man aber etwa hoffen sollte, daß sich der Assimilationsprozeß, wie so viele andere soziologische Vorgänge, aus den oberen Schichten allmählich in die unteren Schichten der Bevölkerung fortpflanzen werde, so dürfte man darin wohl irre gehen. Es ist nach den Eindrücken, die man heute gewinnen kann, mehr als wahrscheinlich, daß ganz im Gegenteil der Assimilationsvorgang in den Klassen der Intelligenz und vor allem des Besitzes gegenteilig wirkt in den unteren Schichten und die Widerstandskraft bei diesen gegen die Assimilation steigert. Weder Assimilation, mag sie unter den Assimilierungswilligen innerhalb der oberen Schichten immerhin auch gute Fortschritte machen, noch Auswanderimg der talmudischen Juden, der Thoratreuen, kann eine Lösung des Ostjudenproblems bedeuten. Auch beides zusammen nicht, wie manche erhoffen. Denn so wie in den unteren Schichten selbst jene nicht religiösen Juden, die trotz eines um sich greifenden und den Juden an und für sich liegenden Rationalismus, teils traditionell .bewußt, teils instinktiv an ihrem Volkstum festhalten, so ist auch in den Kreisen der Mittel- und selbst der oberen Klassen ein großer Bruchteil ausgesprochen volkstreu und es ist nicht anzunehmen, daß die rege agitatorische Arbeit der assimilierten Juden und der Assimilationsanhänger unter den Polon, die auf Assimilierung abzielt, bessere Fortschritte machen wird als bisher. Auch die Fransquillons,<lie Assimilierten unter den Flamen, haben weder dem „Flamingantismusu noch dem Flamentum endgültig schaden können, um wieviel weniger wird, wie dort so auch im Ostjudentum, jene dünne assimilierte Oberschicht die Umgestaltung des ganzen Volkes herbeizuführen vermögen. Und daß es sich um eine Umgestaltung des Volkes h a n d e 11, das möge man nur nie übersehen. Vorläufig ist die Tradition für eine spezifisch jüdische Schulbildung auch bei den einfachsten, unverkennbar proletarischen Elementen des Ostjudentums überaus fest verankert. Man glaube doch "nur ja nicht das Schlagwort vom allgemeinen A n a 1 p h a b e t i s m u s der Ostjuden. Das Streben, zu lernen, sich mit Büchern zu beschäftigen, steckt dem Volke viel tiefer in Fleisch und Blut, als man in Mittel- und Westeuropa ahnt, und die Jugend nützt weit mehr die Gelegenheit, die Thora, Mischna, Gemara, das rabbinische Schrifttum, dazu die Systematiker Maimonides und Josef Caro (Schulehan-Aruch), die Religionsphilosophen und die dem Neuplatonisnms nahestehenden Mystiker und Kabbalisten zu studieren. Ja nicht nur diese: die Bocher können im Besmidrasch ("Lehrsaal, neben der Synagoge, wo in den ärmsten Gemeinden Büchereien zu finden sind) auch mit den Gedankengängen der größten nichtjüdischen Philosophen wenigstens des Altertums bekannt werden, und auch von dieser Möglichkeit wird reichlich Gebrauch gemacht. Es ist geradezu unheimlich, mit welcher — trotz des Jargoneinschlags — gewählten Ausdrucks-