Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 497 (sequence 11)
- Language
- German
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497 heimisch worden wird. AW ich komme nicht darüber hinweg, daß das mii" jener Assimilation, die etwas von einer Lösung des Ostjuden- Problems bedeuten könnte, nichts zu tun hat. Die Loslösung vom Judentum und damit die Befreiung von allen jenen Energien, die im Ostjudentum vorhanden sind, und die ich nur insofern als Fesseln bezeichnen möchte, als sie die Proletarisierung fördern, diese Befreiung wird durch die Erlernung einer Verkehrssprache nicht entfernt bewirkt. Und mehr wird das, was mit der Zerstreuung erreicht wird, eben zunächst nicht sein. Wer eine Lösung des Ostjudenproblems von der Asshnilierung erwartet, der muß zuerst an den Aufstieg des ostj.üdischen Proletariats zu einer sozialen Mittelschicht glauben, und deshalb steht im Vordergrund des ganzen Ostjudcnproblems oben doch nur die soziale Frage: Kann der Aufstieg der Massen in höheren Schichten bald erreicht werden? Und neben diese erste Frage tritt die zweite: Was ist stärker, die'nati onale Kohäsion oder das soziale Klassengefüge? Wie heute die Dinge liegen, da man nur an die Assimilierbarkeit einer dünnen Schicht zu glauben berechtigt ist, hat man damit zu rechnen, daß die nationale Kohäsion noch sehr viel Kraft hat, so viel, daß sie sogar allen jenen Entwicklungen, die einem sozialen Aufstieg in größerem Umfange als bisher förderlich waren, noch auf lange Zeit hemmend im Wege stehen wird. Die Internationalismen unter den sozialistischen Juden werden fürs erste noch lange eine kleine Minderheit von nur Intellektuellen sein, die in nichtjüdischen Sozialistenparteien stehen werden. Wer es mit dem Ostjudenproblem ehrlich meint, wird daher auch nicht darüber hinwegkommen können, daß alle Mittel, die geeignet sind, die Kräfte des Volkes auf die sozial-wirtschaftliche Gesundung zu konzentrieren, um damit die Hebung der proletarischen Masse zu erreichen, eingesetzt werden müssen, und unter diesen Mitteln ist eines der wichtigsten, die A b s c h w ä c h u n g des nati o n a 1 e n Kampfes durch den Schutz der nationalen Minderheiten. Mag man den Hemmungen, die meines Erachtens einer Asshnilierung großen Stils im Wege stehen, immerhin die stärksten Zweifel entgegensetzen, so wird doch jeder Realpolitiker, der sich nicht glatt über die Tatsachen hinwegsetzt, zugestehen müssen, daß ein umfassender Assinülationsprozeß selbst unter 'der Voraussetzung einer stärkeren Rückwanderung der Judon aus Polen nach Rußland — eine Frage, die nur in ihren Wahrscheinlichkeiten schon zu umfassenderen Erörterungen zwingen würde — sich mindestens über drei bis vier Menschheitsalter erstrecken wird. Das aber ist eine Periode, lang genug, um eine weise Regierung auch für Zwischenmaßnahmen besorgt sein zu lassen.