Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 493 (sequence 7)
- Language
- German
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.....________ ........._..................____________;_________________......_____.......... . 493 prozeß erkennen müssen. Das sind vor allem die Schwergewichte, die in der jüdische n proletarischen Masse vorhanden sind. Jene nicht bewußt gewollte, aber unaufhaltsam schleichende Assimilation, die sich auf dorn Weg der Beeinflußung durch eino fremde Literatur, eino fremde Presse, fremd-nationales Theater und dergleichen, also vor allem geistig-kulturell vollzieht, sie findet ihren Boden fast ausschließlich im Bereich der Intelligenzschichten. Die große Masse bleibt unberührt von ihr, und zwar nicht nur etwa jene Teile des Volkes, die von den Instinkten ihres parasitären Erwerbs beherrscht, ihre völkische Eigenart auch in ihrem nicht rationalistischen Lebonsgebiot als zweckmäßig glaubt erkennen zu können, nein, auch die arbeitenden Massen. Ich kann und brauche wohl an dieser Stelle den Beweis nicht zu führen, daß es grundfalsch ist, in jedem Ostjuden immer nur den Geist des Händlers, des profitgierigen Kapitalisten sehen zu wollen. Es kann nicht oft und nicht scharf genug gegen flüchtige Generalisierungen, wie sie zum Beispiel S o m b a r t liebt, Stellung genommen werden, und ich glaube nach unmittelbaren Eindrücken und Untersuchungen, für di<< Gegenwart bestätigen zu dürfen, was Brentano neuerlich für die Vergangenheit des jüdischen Volkes gerade gegen Sombart zu beweisen unternommen hat, daß es falsch ist, den Juden schlechthin als arbeitsunfähig und arbeitsunwillig einzuschätzen 2). So oft man auf diese fable convenue stößt, möchte man immer diejenigen, die sie als Argument für eine bestimmte Judenpolitik geltend raachen, nicht nur in die Straßen einer polnischen Stadt, sondern auch auf die Landstraßen des jungen Staates Polen führen. Gewiß sieht man gerado jetzt während des Krieges in den städtischen Straßen eine Masse von Nichtstuern, von herumlungern don Juden, aber wenn man die Augen ordentlich auf tut, dann sieht man auch die mühsam schleppenden jüdischen Lastträger, die um eines kargen Verdienstes willen sich körperlieh ebenso mühen und plagen wie ein fleißiger mittel- oder westeuropäischer Arbeiter. Im übrigen möchte ich hier nur in alier Kürze auf den reichen Inhalt des großen Recueil de materiattx sur la Situation economique des Israelites de Russie verweisen (2 Bände, Paris 1900—1908), der in sorgfältiger Darstellung zeigt, welchen Umfang die produktive Arbeit in den Kreisen der Ostjuden hat. Es ist iu den letzten Jahron vor dem Krieg in Polen nicht zum mindesten unter dem Einflüsse des Juden-Boykotts, der sich vor allem gegen den jüdischen Händler richtet, erheblich größer geworden. Dieses arbeitende Proletariat wächst zusehends und wird namentlich nach dem Kriege ganz gewiß auch in Polen fortwachson, selbst wenn Rußland mit der Freizügigkeit seine historische Anziehungskraft auch wieder erlangen sollte und die Auswanderung dahin einsetzt. Jüdische Arbeiter haben vor dem Kriege keinen kleinen Anteil an der produktiven Leistung der polnischen Textilindustrie gehabt. Und dieses a) Siehe die Besprechung des Buches von Brentano: „Die Anfänge des modernen Kapitalismus'* im Heft 5, Seite 52, dieser Monatshefte (von Prof. Dr. Franz Oppenheimer).