Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 492 (sequence 6)
- Language
- German
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492 angehören, und darum schicken sie sie in bessere Schulen als es die Cheder sind, durch deren Besuch die Fortpflanzung des Jiddischen trotz dos Schulbesuches gesichert ist. In dieser Beziehung ist in Polen zweifellos eine Wendung seit der Revolution von 1905 zu erkennen, insofern die früheren russischen Schulen national indifferent waren. Der Besuch dieser Schulen bedrohte das Fortleben des sogenannten Jargons bei den jüdischen Schülern nicht. Die russische Schule war nicht aggressiv, nicht aktiv in dieser Beziehung. Um so aktiver ist die seit der Revolution zugelassene polnische, und namentlich hat in. dem Dutzend Jahre, seitdem polnische Schulen gestattet sind, der Schulbesuch viele jüdische Mädchen zu einem Assimilationsobjekt und wohl auch zu einem Assimilationsmittol gemacht. Der Indifferentismus, dieser nationale Laissoraller-Standpunkt der einen Generafion, der die ihr folgende in eine neue Umwelt bringt, ist vor allem in gewissen Mittelstands$chichten den Judentums zu Hause. Dieses Versetzt-werden der Kinder in einen Kreis Anderssprechender unter der andauernden Fühlung mit diesen, wie or sich aus der Schulbankbeziehung ergibt, das ist der erste Schritt dazu, daß eine neuo Generation das Jiddisch verlernt, zunächst mindestens Hebräisch nicht mehr lesen lernt und daß sie damit den Ei nflüssen der nichtjiidischen Literatur „verfällt41. So setzt dann allmählich dieser kulturell-psychologische Zerbröckelungsprozeß an dem Zugehörigkeitsbewußtsein zum Volk beim einzelnen Individuum ein, und das ist dio Assimilation, die der bewußt-nationale Jude fürchtet, das ist die Wandlung, gegen die sich die Nationalisten wie die Zionisten vor allem wenden müssen. Wer nicht mehr jiddisch lesen, nur noch schlecht jiddisch sprechen kann, gilt dem Einfluß des jüdischen Geisteslebens verloren, und wer gar in einem russischen, polnischen oder deutschen Milieu erzogen ist, der wird nur bei ganz ausgesprochen nationalem Wollen der Assimilation Widerstand leisten. Der bewußt gegen die Assimilation ankämpfende Jude geht von einer, sei es traditionellen, sei es doktrinären, an sich aber nur ganz natürlichen Wertschätzung seines Volkes und dessen großer Vergangenheit aus und will ein solches Maß von Eigenart des jüdischen Denkens und Fühlens sowie diesem entsprechend auch eine solche Eigenart des Lebens unter den Juden erhalten wissen, daß das Fortleben dieses Geistes, dieser Überlieferung mit jenem, ganzen den Niehtorientalen gewiß nicht immer vertändlichen und stark ins Physiologische hineinspielenden Reichtum an Irrationalem, an Stimmungsmäßigem gesichert bleibt. Das ist gewiß eine Politik der Romantik, Aber wer vermag zu sagen, daß diese Romantik nicht auch ihre Kraft hat? Nicht nur, daß sie sie heute hat, auch daß sie vielfach noch auf lange Zeit sehr viel Kraft bohalten wird, ist sehr wahrscheinlich. Die demokratische Entwicklung der neuesten Zeit macht, so merkwürdig es klingt, dieses Fortloben wahrscheinlich. Man kann aber von diesem Willen zur Erhaltung des eigenen Volkstums, der von romantischen Idealen getragen sein mag, auch völlig absehen und dennoch schwerste HemmungenfürdenAssimilations-