Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 491 (sequence 5)
- Language
- German
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491 sanier wird, jo mehr die Lobensforni, die os zu überwinden gilt, von der anzunehmenden sich unterscheidet. Das alles sind Vorgänge, bei denen das Wollen entscheidend wird. Auch insofern handolt os sich wohl um W i 11 e n s v o r g Ii n g e bei den zu Assimilierenden wie bei der rein sprachlichen Angloichung. Der assimilierte Deutsche in Polen will nicht mehr deutsch sein; spricht polnisch, heiratet polnisch, schickt seine Kinder in polnische Schulen, wird womöglich noch katholisch, um den Prozeß zu sichern. Ist das nicht auch beim Juden möglich? Warum nicht? Ist damit aber auch beim Juden schon jene Angleichung in die Wege geleitet, die ein Inemanderaufgohen der Volksmasso wirklich werden läßt? Keineswegs. Man frage doch einmal die wirklich nationalen Polen, wie sie über ^lie sprachlich und äußerlich bis zur Zugehörigkeit zur katholischen Kirche assimilierten Juden denken. Sie sind viel stärker angefeindet, gelten weit mehr als ein Dorn im Fleisch des Polenvolkes wie die Masse der Langröcko und in Lumpen gehonden Juden, die als ein vom Goj verschiedenes Element deutlich kennbar sind. An einer kulturellen oder zivilisatorischen Angleichung der Juden an das Polen tum sind die Nationalpolen ganz und gar nicht interessiert. Sie ist Ihnen nicht etwa bloß gleichgültig, nein, es ist ihnen viel lieber, wenn der Jude in seiner bisherigen Art zu leben, in seiner bisherigen Umwelt bleibt. Ist denn das aber überhaupt das Ziel, kann das das Ziel sein, das die Assimilationsanhänger im Auge haben? Jene äußere Angleichung ist doch durchaus die angestrebte und auf der anderen Seite gefürchtete Assimilation schlechthin. Was w o 11 o n die Polen, wenn sie A s s i m i 1 i e r u n g der Juden f o r - d orn, und was fürchten die Juden als A s s i m i 1 a t i o n? Die Polen wollen sprachliche Einheit im Lande und sie wollen die ausschließliche Geltung der polnischen Sprache. Jene äußere Angleichung halten sie wreit mehr für eine .Gefahr für das polnische Volk, die ihnen um so größer erscheint, je weiter sie geht, einschließlich des Übertritts zum Katholizismus. Und wehren sich denn die Juden gegen diese sprachliche Assimilation? Und wenn ja, warum vor allem? Das Verhalten der Juäon ist keineswegs einheitlich. Soweit es auf den Willensvorgang bei der Assimilation ankommt, kann im großen ganzen gesagt werden, daß bei den Os'tjuden des polnischen Staatsgebietes der Wille zur Assimilation nur bei den schon assimilierten Juden als vorhanden angenommen werden kann. Aber die Assimilation geht auch ohne diesbe wußte Wollen vor sich. In Rußland betreibt niemand bewußt eine Assimilation und doch vollzieht sich auch dort eino Assimilation, die wenigstens kulturell - psychologisch nicht in Abrede gestellt werden kann. Viele jüdische Elemente stehen den nationalen Fragen völlig indifferent gegenüber. Sie sind gläubige Juden, die jüdisch sprechen, deren ganzes Milieu noch den ausgesprochenen jüdischen Charakter an sich trägt. Viele von ihnen haben aber den starken Wunsch, ihre Kinder zwar nicht aus der jüdischen Umwelt heraustreten, wohl aber in eine höhere Lebensstellung aufrücken zu sehen als die ist, der sie selbst