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Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-10 · Heft 17 (10.6.1917) · p. Seite 490

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 17 (10.6.1917)
Article
Zur Assimilation der Ostjuden
Date
1917-06-10
Page
Seite 490 (sequence 4)
Language
German
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4£ö pflogen. Soweit könnte man dieser Zerstreuungstheorie noch einigermaßen zustimmen, vor allem die Differenziertheit des Westvom Ostjudontum sclieint dafür zu sprechen. Aber diese Zerstreuungstheoretiker begnügen sich damit nicht, sie behaupten auch eine Zerstreuungstenden z unter den Juden, und zwar wie unter den Westjuden so auch unter den Ostjuden. Glaubhaft gemacht wird diese Zerstreuungstendenz durch eine sozialwirtschaftliche Schlußfolgerung, indem die Hauptrolle dem Axiom zufallt, daß der Jude, und insonderheit der Ostjude, im wesentlichen nur ein einziges Erwerbsgebiet kennt, den Handel, und vor der Notwendigkeit steht, absuwandern, wo dieses Erwerbsgebiet von seinen Volksgenossen „übersetzt" erscheint. Damit stehen wir vor der sehr wichtigen Frage: Ist die Zerstreuung, die Isolierung an sich schon das Entscheidende? Jeder Assimilationsprozeß ist immer wieder nur etwas Individuelles. Eine Veränderung und Erleichterung dieses Prozesses bedeutet es daher, deduktiv geschlossen, gewiß, wenn das Individuum oder auch die Familie national isoliert ist. Ob aber die Assimilation dann wirklich eintritt, hängt doch noch von anderen Umstanden ab. Historische Tatsachen sprechen jedenfalls nicht ohne weiteres dafür. In der Zeit, in der das Judentum in Polen noch bei weitem nicht so dicht gesiedelt war wie heute, und in den Verhältnissen, wo von einer wirklichen Isolierung eines großen Bruchteils der polnischen Juden geredet werden konnte, jener Epoche doch schon nahezu neuzeitlicher wirtschaftlicher Verhältnisse, in der in Polen dem Dorfjuden eine recht erhebliche Rolle zufiel, wäre genügend Gelegenheit zur Assimilation gegeben gewesen, sofern in der Isolierung allein schon die treibende Kraft dafür behauptet wird. Warum sind denn nicht alle diese D o r f j u d e n assimiliert worden? Warum sollen denn die Voraussetzungen kultureller und sozialer Natur während des 19. Jahrhunderts der Assimilation so viel ungünstiger gewesen sein als heute? Man kann nicht einmal darauf hinweisen, daß es gerade agrarische Kreise waren, in denen der Dorfjude wirksam war, wenigstens für eine Zerstreuimgspolitik im Osten kann das als Argument nicht gelten, da die Zerstreuung doch nur wieder die stärkere Durchsetzung der russischen Landbevölkerung mit Juden zur Folge haben wird. Mindestens aber gäbe auch schon die Tatsache zu denken, daß nicht nur die Siedlungshäufung, sondern wohl auch ein anderes Moment wirksam gewesen sein dürfte, um den Juden vor Assimilation zu bewahren: die berufliche Verschiedenheit gegenüber der Umgebung. Die Zerstreuungstheoretiker, insbesondere Bauer, geben wohl selbst zu, daß Rasse, Religion, Kultur und Sprache der Assimilation entgegenwirken, sagen aber, je ähnlicher diese zwischen Mehrheits- und Minderheitsvolk sind, um so leichter vollzieht sich die Assimilation. (Viertes Assimilationsgesetz Bauers.) W a s heißt aber überhaupt Assimilation? Darunter ist nicht nur, aber mindestens auch eine Angleichnng des Zivilisatorisehen, der Äußerlichkeiten zu verstehen, die um so bedeut-

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