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Neue jüdische Monatshefte · 1917-06-10 · Heft 17 (10.6.1917) · p. Seite 489

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 17 (10.6.1917)
Article
Zur Assimilation der Ostjuden
Date
1917-06-10
Page
Seite 489 (sequence 3)
Language
German
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m . ist, den Ostjuclen von heute ausnahmslos oder auch nur schlechthin als den Träger des kapitalistisch e n G e i s t e s anzusehen, der wird gewiß auch von dem Glauben geheilt, daß das Ostjudentum sein Dasein in einem parasitären Handeltreiben erschöpft, Man übersehe doch nicht, welchen Inhalt es hat, daß der rechtgläubige Ostjude zum erbärmlichsten proletarischen Heimarbeiter geworden ist, der sich um einen Schandlohn von seinen reichen Glaubensgenossen ausbeuten läßt, weil er sich nicht entschließen kann, zu besser entlohnter Arbeit in die Fabrik zu gehen, die ihn zwingt, auf die Heilighaltung des Schabbes zu verzichten. Zu den Kardinalfehlern in der Beurteilung der Ostjudenfrage gehört % aber vor allem der Wert, mit dem die Assignierung in die politische Rechnung eingestellt zu werden pflegt. Dieser Faktor wird nämlich sehr hoch von allen jenen gewertet, die das Ostjudentum nicht kennen, und das ist von um so größerer Tragweite, je mehr man dazu neigt, für die Lösung der Ostjudenfrage die Alternative zu verfechten, daß es gilt, entweder die Ostjuden zu assimilieren oder, wenn das nicht gelingt, sie als Nationalität anzuerkennen und zu behandeln, weil an die Massenabwanderung nicht zu glauben ist. Es ist geradezu reizvoll zu beobachten, wie stark schon ein flüchtiger, aber unmittelbarer Eindruck von dem Ostjudentum Leute, die aus dem Westen kommen, in ihrer Meinung über das Judentum umzustimmen vermag. Erst kürzlich hörte ich die charakteristische Äußerung eines klugen politischen Kopfes: „Ich bin bisher kein Antisemit gewesen, aber seitdem ich die Verhältnisse hier kennen gelernt habe, bin ich es geworden, denn jetzt halte ich das Judentum nicht mehr für assimilierbar. Aber jetzt bin ich nicht nur überzeugt, daß die Massenhaftigkeit die Assimilation unmöglich macht, sondern ich meine auch angesichts dieser Massenhaftigkeit des Judentums, daß die Abwanderung es nie auflösen kann, so daß es ein unerschöpflicher Quell für die langsame aber fortdauernde weitere Durchsetzung des Westens mit Juden wird, falls es nicht gelingt, ihnen eine sie bindende staatsrechtliche Organisation zu geben." Man mag von solchen Schlußfolgerungen wie immer denken, zum Teil beruhen sie jedenfalls auf Prämissen, die an Denkfehlern kranken, von denen oben die Rede war: Verallgemeinerung von an sich richtigen Eindrücken aus einem bestimmten Ausschnitt des Ostjudenlebens. In jener Äußerung kommt aber — und deshalb zitiere ich sie — unmittelbar derselbe Gedanke zur Geltung, der von den Theoretikern der Assimilationspolitik vertreten wird. Vor allein ist hier an K a u t s k y und Bauer zu denken, die Anhänger der Zerstreuungstheorie sind. Man glaubt an die Assimilierbarkeit der Juden, wenn sie zerstreut leben. Man rechnet dann damit, daß dem im Golus lobenden isolierten Juden das völkische Pathos, auch wenn er es vorher besessen, abhanden kommt, während es überall dort gedeiht, wo die Juden in Armut gehäuft, trotz Armut und Verkümmerung eine nationale Kultur

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