Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 17 (10.6.1917)
- Article
- Zur Assimilation der Ostjuden
- Date
- 1917-06-10
- Page
- Seite 488 (sequence 2)
- Language
- German
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4Ö8 als die Einzelerscheinungen in einer gewissen Häufung zutage treton. Das Unrecht, das dabei begangen wird, liegt nur darin, daß man sich leidenschaftlich hinein verbeißt, solche Erscheinungen als das schlechthin Einzigrichtige zu behaupten, ohne sich darüber klar zu werden, daß die gehäufte Erscheinung wohl als typisch für einen Teil der jüdischen Bevölkerung und des jüdischen Lebens im Osten gelten darf, daß aber daneben eine ganze Reihe ebenso beachtenswerter anderer und gleichfalls typischer Verhältnisse in Konkurrenz mit der einen Erscheinung- Stehen. Um der Wahrheit näher zu kommen, gilt es vor allem, bei einer gewissen Fülle der Erscheinungen erst aus der Vielheit der Typiea sozusagen ein Komple^bild des Typischen zu konstruieren. Hier sei nur eines herausgegriffen. Nicht allein um über den Charakter des Volkes, sondern auch um über die politischen Möglichkeiten im Ostjudentum verläßlich urteilen zu können, bedürfte es einer brauchbaren Statistik der s o z i a 1 e n Schichtung, der Berufsgliederung und mindestens des Einblicks in eine große Zahl von Berufsschicksalen. Fehlt uns schon in dieser Richtung des elementaren soziologischen Orientierungsbedürfnisses die Beherrschung des Tatsachenmaterials, die eine wichtige Grundlage für die Erkenntnis der Lebensverhältnisse in dieser gesellschaftlichen Masse bildet, so vermißt man in westeuropäischen Kreisen noch viel mehr die Kenntnis anderer Prämissen, die für die politischen Entschließungen unentbehrlich sind. Vor allem gibt es keine Statistik und kann keine solche geben, die uns über massen psychische Kräfte, Lebensauffassung und Weltanschauung in diesem Volk ein annähernd richtigeres Bild geben könnte. Und gerade das ist ein so wichtiges Gebiet. Hierin vor allem kommt das ungewandelt Orientalische zur Geltung, und doch auch jenes seltsame Maß von Zähigkeit, das trotz einer weitgehenden körperlichen Degenerierung die Ostjudenmasse als Ganzes doch noch außerordentlich zukunftsreich erscheinen läßt. Wer das Judentum im Osten zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, wird es begreiflich finden, wenn man der mehr als die Hälfte des. polnischen Judentums umfassenden chassidischen Masse eine gewisse völkische Passivität zuschreibt. Ganz treffend hat es der Schwede Böök in seinem lesenswerten Buch „Deutschland und Polen'4 *) verstanden, die Außenwelttatsachen, die diesen Eindruck auslösen, zu schildern. Wer einmal einen Einblick in die eigenartige, man kann sagen, wirklichkeitsfremde Welt der chassidischen Gebetsstübel getan hat, der wird jedenfalls bedenklich werden darüber, ob es berechtigt ist, den Sinn der Juden unter allen Umständen nur auf das nimmermüde Geschäftemachen gerichtet anzunehmen. Und wer gar in den Wohnstätten des jüdischen Proletariats sich umgesehen hat, etwa in einer der großen oder auch mittleren polnischen Industriestädte, insbesondere von Lodz, in deren öden Fonsterhöhlen mehr als das Grauen, das Entsetzen wohnt, der zweifelt nicht mehr, daß es unzulässig l) Friedrich Böök. „Deutschland und Polen". Übersetzung von Friedrich Btieve. München 1917.