Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 481 (sequence 10)
- Language
- German
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461 Zwei Wege zur Abhilfe und künftigen .Vorbeugung scheinen gangbar. Der eine führt in politischer Richtung. Wenn es das Lebensinteresse der ostjüdischen Massen ist, daß ihnen der Osten offen bleibt, weshalb dann nicht einen solchen Frieden, anstreben, der die Grenzländer im Osten zwar politisch für uns sichert, ihnen wirtschaftlich aber den Osten weit offen läßt? Auch Rußland hat ein Interesse daran, nicht von seiner wichtigen Industrieecke völlig getrennt zu bleiben. Ein solcher Zustand hat schon einmal bestanden; bis zum Jahre 1849 hin hatte Polen für seine Industrie sowohl Zollfreiheit nach Preußen wie nach Rußland hin. Man muß schon hoffen, daß die Pole<n dieses Interesse erkennen und verfolgen werden; denn es ist auch ein Lebensinteresse für die polnische Industrie. Von jüdischen Führern nach dieser Richtung hin etwas zu erwarten, scheint vorerst optimistisch. Die zweite große Aufgabe, die zu lösen bleibt, geht in wirtschaftlicher Richtung. Nicht Almosen allein soll man den Ostjuden schenken, die werden nie sehr viel bedeuten; nicht zu uns herüberholen soll man sie, denn man weiß nicht, ob das ihrer Zukunft dient. Sondern Arbeit soll man ihnen schaffen, Arbeit im Osten selber, sie sollen Waren herstellen für uns, sie sollen sich neue kleine Gewerbezweige schaffen. Die werden ihnen dauernd ein Segen sein. Wir sehen doch eigentlich einen seltsamen Zustand: Hier in Deutschland fehlt es an Waren alLer Art; sie können nicht, oder nur zu enorm hohen Preisen hergestellt werden, weil es an Arbeitskräften fehlt. Und dort drüben gehen Hunderttausende von Menschen müßig, gehen tausende zugrunde, weil es ihnen an Arbeitsgelegenheit fehlt. Hunderte von Warenarten können sie allein aus dem Holz herstellen, das in unbegrenzten Massen dort drüben zur Verfügung steht; deutsche Kaufleuto haben erklärt, daß sie diese Waren gern zu guten Preisen übernehmen wollen. Ostjüdische Gemeinden haben erklärt, daß sie gern die für Gründung solcher Kleinindustrien nötigen Kapitalien aufbringen wollen und es jetzt noch können. Da wäre die Möglichkeit, Tausenden und vielleicht Zehntausenden von jüdischen Familien einen sicheren Existenzboden in ihrer alten Heimat zu schaffen, der drohenden Katastrophe wenigstens für einen Teil dieser großen Massen unglücklicher Stammesbrüder vorzubeugen und ihnen Arbeitsgelegenheit zu schaffen zur sittlichen Stärkung und zur Festigung ihrer wirtschaftlichen Stellung. Vergebens ist fast seit einem Jahre der Versuch gemacht worden. Noch fehlt es in Deutschland an Männern, welche die Größe der Aufgabe erkennen. — So sei es denn hier noch einmal gesagt: Auf glänzender wirtschaftlicher Höhe stand vor dem Kriege das Westjudentum; der Krieg hat daran bis heute wenig geändert. In mühseligem Daseinskampfe versuchte das Ostjudentum sich langsam aus der Tiefe wieder emporzuringen. Für etwa die Hälfte der lebenden Judenheit hat der Krieg diesen Aufstieg unterbunden, und nach dem Kriege drohen ihr Gefahren, denen gegenüber ein Pogrom ein unbedeutendes Kinderspiel ist,