Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 480 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908706-2909750--0790-2909820- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
460 land, sondern es wurde die Beschlagnahme ziemlich weit ausgedehnt, gerade auch alle Webwaren wurden behördlich beschlagnahmt und nur relativ wenigen Personen zum Handel freigegeben. Außerdem ist auch der große Aufkaufhandel mit landwirtschaftlichen Produkten in die Hände von Behörden, insbesondere auch Handelskammern, übergegangen. Das bedeutet aber für die jüdische Masse eine letzte große Entziehung von Arbeitsmöglichkeit So lebte schon vor Jahresfrist die Hälfte aller Ostjuden von öffentlicher Unterstützung; ihr Elend war sehr groß. Dafür nur eine Zahl: In Warschau hat man normalerweise VA mal so viel Geburten wie Todesfälle; im Jahre 1015 hat man nur rund 1700 Geburten gezählt, aber daneben 20 000 Todesfälle; es waren ziemlich genau doppelt so viel Tote als in normalen Zeiten. Andere Beobachtungen haben nachgewiesen, daß der Flecktyphus, diese typische Krankheit der Unterernährung, gerade unter den Juden besonders grassiert. Viele Tausend© sind schon längst im Elend zugrunde gegangen. Noch helfen sie sich gegenseitig durch. Man sagt, daß die Chassidim ihre ganzen Vermögen bis zum letzten Kopeken hergeben. Die Millionen, welche die deutschen Juden rein als Almosen spenden, sind dankenswerte Leistungen, mit denen gewiß niemand nachlassen soll und wird. Und doch bedeuten sie wenig bei der ungeheuren Not, sie machen auf den Kopf der Bedürftigen im ganzen Jahre vielleicht 8—10 Mark aus. Ein größeres ist notwendig. VII. Wenn dieser Krieg vorüber sein wird, so wird auch der ostjüdischo Kaufmann verarmt sein. Was wird dann werden? Drei Möglichkeiten scheinen offen zu stehen. Die erste, daß Polen und Kurland wieder an Rußland zurückfallen, braucht hier nicht erwogen zu werden. Die nächste ist, daß die baltischen Provinzen und Polen als selbständige Pufferstaaten errichtet werden. Dann kann es sein, daß Rußland der Industrie und dem Handel dieser Westgrenzstaaten sein großes Reich nicht verschließt; oder aber es kann so kommen, daß diese Lande in den Wirtschaftsbund der Zentralmächte eingeschlossen werden. Dafür spricht vorerst die größere Wahrscheinlichkeit. Was wird dann die Folge sein? Man ist sich darüber einig, daß die große polnisch-litauische Textilindustrie, wenn ihr dann der nissische Markt nicht mehr offen steht, zum größeren Teil zugrunde gehen muß. Sie ist auf das große Reich im Osten eingestellt. Gegen unsere dahin strebende Industrie hat sie sich bisher nur durch hohe Schutzzölle halten können. Wird sie jetzt auf unseren Markt angewiesen, so muß sie einfach unterliegen. Mit ihr unterliegt dann aber die Konfektionsindustrie, und mit ihr schwindet die Grundlage für den weitaus grüßten Teil des ostjüdischen Handels, soweit er nach dem Osten gerichtet war. Dann drängen die polnischen Arbeiter nach Deutschland, dann wird die Kriegs not der Ostjuden zur dauernden Not. Von unserer Ostgrenze her wird dann ein Druck auf die Westjuden und ihre ganze Lage erfolgen, von dessen Maß und Bedeutung man sich kaum eine zutreffende Vorstellung macht.