Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 479 (sequence 8)
- Language
- German
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479 ihn. Je mehr sich das Russische Reich dein Verkehr erschloß, um so dringlicher empfand dieses Land Hunger nach kaufmännischen Talenten. Schon war es ihrer über 70 000 gelungen, an Steuern jährlich 1800 Jlk. zu erlegen und damit ini ganzen Reiche Handel treiben zu können; schon zeigte sich der Mangel an kaufmännischen Kräften so stark, dal.» man die Juden in Buchara entgegen dem Gesetz auf Verlangen der .Moskauer Kaufmannschaft wohnen und neu siedeln ließ; schon drangen von der Mandschurei her die Japaner als Kaufleute ein und erschlossen das reiche Land, und in Sibirien fand man dänische Aufkäufer. Rußlands unerschlossene, wirtschaftliche Kräfte verlangten dringend nach kaufmännischen Elementen; vom Osten her kam der Masse der Juden schon jetzt die Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage, und beim ersten politischen Umschwung durfte sie noch weit Größeres für sich erhoffen .im größten, unerschlosscnen Lande Europas. VI. Und mit einem Schlagehat nun der Krieg diese Lebensader des jüdischen Stammes, die Verbindung nach dem Osten, für die größere Hälfte unterbunden. Daher die augenblickliehe Kriegsnot. Aber es droht diese Unterbindimg dauernd zu werden, und das wird für die Ostjuden eine Katastrophe bedeuten. Eine Katastrophe der Ostjuden bedeutet aber eine Gefahr für die Westjuden; vielleicht rüttelt diese Aussicht einige Vereinspräsidenten auf. Alle Völkerstämme des Ostens sind von dem Kriege schwer getroffen worden, für alle ist die Besetzung ihres Landes ein Schicksal, für Balten und Litauer, für Polen und Ruthenen, für Tschechen und Rumänen. Für keinen Stamm ist sie ein solch schwerer Schlag wie für die Juden. Nicht allein das Niederbrennen ihrer Häuser; nicht allein die traurigen Austreibungen — zu Tausenden haben wir beim Vorstürmen durch Polen die Ostjuden leidend und weinend am Wegrande, auf umgestürzten Wagen, sitzen sehen all das ist schließlich auch den polnischen Bauern geschehen. Aber doch hatte der Bauer so hart nicht zu leiden wie der Städter und besonders der Jude. Ihm half ja der Boden, ihm halfen die noch gebliebenen Vorräte, und in den Städten nahmen sich die Hilfskomitees der slawischen Bewohner an. Ganz anders der Jude. Über seine traurige Lage ist oft und doch lange nicht genug berichtet worden. Wie das Wirtschaftsleben der Ostjuden, von seinen Hauptquellen abgeschnitten, plötzlich verkümmerte; wie vor allem die große polnische Textilindustrie ihre Materialien verlor, und wie Fabrik, Handwerk und Heimarbeit wie mit einem Ruck stillgelegt wurden; fast ein Drittel der Ostjuden war damit von einem Tage zum andern ohne Arbeit und NahrungsqueUe. Es kann hier nicht im einzelnen geschildert .werden, wie die Hilfskomitees in den Städten die Judenmasse benachteiligten, und wie die reichsten unter den Ostjuden von dieser Masse nichts wissen wollten. Im letzten Jahre hat die Lage sich noch dadurch verschlechtert, daß auch dem Handel das Material mehr und mehr weggenommen wurde. Dahin wirkte nicht nur die allgemeine Warenknappheit wie in Deutsch-