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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 478

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
Date
1917-05-10
Page
Seite 478 (sequence 7)
Language
German
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475 . Weshalb aber bleiben sie nicht daheim und wenden sieh der heimischen Fabrik als Arbeiter zu? Diese blüht doch gerade in Polen und Galizien milchtig empor, hat einen dauernden wachsenden Arbeiterbedarf und muß nach einer berühmten Formel den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt bringen, im Osten so gut wie anderswo. Da stehen wir vor einer jener R ä t s e 1 e r s c h e i n u n g e n im ostjüdischen Leben: Der Jude wird nicht in Massen zum Fabrikarbeiter, er „industrialisiert sich nicht'1. An der Tatsache kann kein Zweifel mehr sein. Unter fast ß Millionen Juden in Rußland findet man nicht ganz 35 000 wirkliche Fabrikarbeiter. In der Fabrikstadt Lodz leben 20 000 jüdische Reisende und sonstige Handelsangestellte, viele tausend Handwerker und Gesellen, aber kaum 1000 wirkliche Fabrikarbeiter, Der Ursachen dafür hat man viele genannt. Die wichtigsten sind zweifellos 1. die rückständige Entwicklung der jüdischen Fabrik. Jüdische Arbeiter sind bei dem Antisemitismus im Osten im wesentlichen auf jüdische Fabriken angewiesen. Die Juden, im übrigen Europa und in Nordamerika die Mitschöpfer der Großindustrie zumal bei allen Webstoffen, haben deren Entstehung im Osten anderer, hauptsächlich deutscher Initiative überlassen. Wohl zählte man im ganzen russischen Judenrayon schon um die Jahrhundertwende 300t) Fabriken jüdischer Eigentümer, fast 40 % aller Fabriken, aber ihre Größe blieb hinter denjenigen der andern zurück, ihre Erzeugung war durchschnittlich kaum die Hälfte derjenigen christlicher Eigentümer. Und selbst in den jüdischen Fabriken bleiben die jüdischen Arbeiter prozentual, hinter den andern zurück, um so mehr, je mehr der ganze Betrieb, mechanisch, eigentlicher Großbetrieb wird. Damit berühren wir die 2. Ursachenreihe der Niehtindiistrialisierung des jüdischen Proletariats: In seinem U n a b h ä n g i g k e i t s d r a n g und unau>- lösehliehen individuellen Geltungswillen kann der Jude sich in die Mechanisierung, die absolute Gleichmacherei der großindustriellen Maschinerie nicht einordnen; aussichtsloses Gleichgestelltsein mit allen andern geht ihm gegen die Natur. Lieber läßt er sich als Heimarbeiter drücken und aussaugen; bei individueller Beschäftigung glaubt er immer noch eine kleino Hoffnung auf Emporkommen zu sehen. Dazu kommt entscheidend 3. die U n m ö g 1 i c h k e i t des Z u s a m m e n arbeit e n s mit nichtjüdischen Arbeitern. Die Sabbatruhe, deren Strenge im ganzen mchtassimilicrten Judentum des Ostens unerschüttert ist, kann für die übrigen Arbeiter, denen der Sonntag heilig ist, nicht durchgeführt werden; die Speisegesetze verbieten Einführung gemeinsamer Fabrikkantinen und selbst Speiseräume. Aber die Industrialisierung, so hart und schwer sie für den jüdischen Handwerker war, bedeutete für den jüdischen Kaufmann eine Hoffnung und einen Aufstieg. Je stärker sie sieh entwickelte, um so besser für

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