Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 477 (sequence 6)
- Language
- German
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.................__________........________......_....._......_...... _................... 477 zu Tag«, dieses Absatzgebiet aber lag im Osten, Und so war auch des jüdischen Kleinkaufmanns Lebensinteresse genau dort verankert, wo dasjenige des jüdischen Großkaufmanns lag: Die Verbindung mit Innerrußland war die Quelle seines beginnenden Aufschwunges; er fühlte, daß es für ihn wieder bergan ging, und darum wanderte er trotz aller Konkurrenz nicht aus. Der wanderte, der die Heimat seiner Väter in Massen verließ, das war der j ü d ische Handwerker, Über eine halbe Million jüdischer Handwerker und Handwerkergesellen wohnt noch im russischen Staatsgebiete. Dieser staunenswert geschickte Handwerker, der jüdische »Schneider — es gibt seiner allein in Polen wohl 70 000 —, der jüdische Tischler und Drechsler, der Uhrmacher, der Sattler und der Strumpfwirker, der Tabakschneider und vor allem der Handweber, fühlte den Hoden unter den Füßen schwinden, wurde überwältigt von der Hausindustrie, und hinter ihr erhob sich die Fabrik. Vom Handel her war der Jude einst ins Handwerk gekommen; seinem Temperament widersprach es, auf den kommenden Kunden zu warten. So zog er dem Kunden entgegen, auf die zahllosen Märkte, zum Kirchplatze, ins Dorf. Aber eine stärkere Macht trat auf, die grub diesem jüdischen Marklhandwerker den Boden ab. Die Mode kam, sie ergriff auch den Osten, nun verlangte man Auswahl, immer reichere Auswahl, immer schnelleren Wechsel von Form und Farbe, das konnte der Handwerker nicht bieten: ein großer Kaufmann schob sich dazwischen, wir nannten ihn schon, der Verleger. Der liefert das Garn, das Tuch, das Leder, der bestimmt die Formen und Arbeitsweisen, der läßt viele hunderte dieser jüdischen Handwerker für sich arbeiten, und ihm ist der genügsamsle Arbeiter der liebste. Er, der große Kaufmann, kann nicht mit dem kleinen Handwerker verkehren; er hat wieder seine Unternehmer zweiten Grades, seine Rayonchefs sozusagen, und die drücken nun den Arbeiter bis auf Lohnbeträge hinunter, die jedes menschenwürdige Dasein unmöglich machen. So entsteht das Schwitzsystem, ausgeübt von Juden gegen Juden; mit 200—800 Mk. im Jahre sollte zuletzt solch ein jüdischer Heimarbeiter-Schneider in Polen samt seiner großen Familie loben. Das ging nicht mehr, da war die äußerste Grenze des Erträglichen überschritten, in Massen zog der Handwerker hinaus, über eine Million jüdischer Handwerker ist im letzten Menschenalter allein in die neue Welt gezogen. Mit ihm wanderte das drückende System der Heimarbeit nach Belgien, England und Amerika, und während die Geschicktesten bald zum Zwischen^ meister, viele andere auf andern Wegen emporstiegen, bedeuteten für die abgewanderten Massen schon die Sicherheit der Beschäftigung und vor allem die etwas höheren Lohnsätze gegenüber Kußland eine Erleichterung eine Möglichkeit zur Ersparnis. Den Arbeitermassen der Einwandernngsländer erschienen die Ostjuden als verhaßte Lohndrücker, als „undesirable aliens", aber denen daheim konnten sie von ihrem kargen Lohne noch etwas senden, und auch dadurch hob sieh die Wirtschaftslage der Ostjuden.