Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 476 (sequence 5)
- Language
- German
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476 arbeitet; aus allen Ländern bezieht er das Rohmaterial, vor allem die Baumwolle, aber die fertige Ware dieser Industrie setzt er nur nach einer Richtung ab. Nidit nach Westen; nicht nach Deutschland oder Österreich, die selber eine hochentwickelte Textilindustrie haben und selbst nach dem Markte der Ostländer streben; sondern nach Osten.. Über das ganze weite Reich brachte er die Tuche aus Polen, die Pelzwaren, die Tabakwaren, und vom Schwarzen bis zum Weißen Meere brachte er eine Warengattung, die für die ganze jüdische Stammesexistenz von ausschlaggebender Bedeutung geworden ist, die fertige Konfektion. Konfektionierte Anzüge und Wüsche kauft heute schon der Kirgise und der Tartar, fertige Strümpfe und fertige Schuhe trägt der Muschik überall vom Wjallfahrtsmarkte heim. Für die Herstellung dieser Waren sorgt aber der dritte Typ des Großkaufmanns, der Verleger der Hausindustrie, dem wir gleich wiederbegegnen. Da ist als nächste Schicht die große Massenerscheinung des jüdischen Kleinkaufmanns. In großen Scharen eilt er über das Land, um von Dorf zu Dorf auszutauschen, aufzukaufen, abzusetzen. Das ist der kleine Fraßler, der Dorfgeher, ganz dasselbe, was unsere Vorväter vor 100 Jahren meistens auch noch gewesen sind. Da ist di»r jüdische Detaillist. Kein großer Warenhausbesitzer mit Lift und Auto, kein Inhaber des eleganten Spezialgeschäftes. Eine unglaubliche Konkurrenz läßt ihn selten auf einen grünen Zweig kommen. Nur ganz wenige Läden werden wirklich einigermaßen groß; sonst drängt sich eine Unmasse kleiner und kleinster Lädehen nebeneinander, sie drängen sich in die Kellergeschosse, in die Hausflure, sie schieben ihre kleinen Ladentische in die Torwege, und vor dem Hause suchen dann noch die Hausierer den etwa kaufwilligen Bauern abzufangen. In großen Massen drängen sie sich auch auf den Märkten zusammen, die da drüben im Osten ganz etwas anderes darstellen als bei uns; sie haben dort noch viel vom orientalischen Basar. Da ist die Unzahl der kleinen Vermittler, die allermeist von allerlei Aufkaufarbeit leben, von Aufkauf und Zwischenhandel, der seino Wurzeln im Osten hat. Ein unglaublich wildes, nervöses, krankhaft anmutendes Hasten charakterisiert diesen Handel; nur relativ wenige Slaven nehmen bis heute daran teil; wenig vermochte bis jetzt gegen diese Vorherrschaft der Juden die Konsumvereinsbewegung und nichts vermochte der antisemitiche Kampfruf, der kurz vor dem Kriege auch in ganz Polen ertönte: „Kauft nicht bei Juden!" Wo hittte der Pole oder Litauer oder der Bewohner der Bukowina anders kaufen sollen? Noch dominiert der Jude fast ganz unbestritten im Handel der Länder zwischen Donau und Newa. Und gerade im Kernstück dieses Judenhandels erging es dem jüdischen Kleinkaufnuinn trotz aller Konkurrenz in den letzten Jahren besser, zu den riesigen Auswandererinassen stellte der jüdische Kaufmann nur einen überraschend kleinen Teil, etwa 4—5 denn seine Kundschaft war zusehends kaufkräftiger geworden. Der polnische und russische Fabrikarbeiter verdiente verhältnismäßig große Beträge, das Absatzgebiet der Industrie in der Westecke des großen Reiches weitete sich von Tag