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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 475

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
Date
1917-05-10
Page
Seite 475 (sequence 4)
Language
German
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475 vom Wohnrochte auf dem Lande Gebrauch gemacht). Nur die Reichsten der Juden konnten noch frei durchs Russische Reich reisen, das waren die „Kaufleutc erster Gilde". Die armen Massen drängten sich in den Städten und Städtchen zusammen, in einer Enge, Dichtigkeit und Dürftigkeit, die alle europäischen Begriffe weit übersteigt. Wo aber die Juden sich so stark zusammendrängen, da können sie nicht, wie in Westeuropa, eine wirtschaftliche Oberschicht darstellen. ■ Im Kaufmannsstande tritt eine gewaltige Überfiiliung ein, im Stande der Handwerker nicht minder, und von der Landwirtschaft hält das Gesetz sie zurück, stärker als das Gesetz aber die innere Abneigung, die den uralten Stadtbewohner vom Ackerbau fernhält. Und so orgibt sich die Berufsgruppierung, die den ankommenden Fremdling so seltsam anmutet: Juden sind die Fabrikherren und Juden sind die Gastwirte, Juden sind die Fuhrleute, und zu Tausenden und abermals Tausenden sind sie Händler und Handwerker, Gelegenheitsarbeiter, Vermittler. Agenten bis zu den unglaublichsten vermittelnden Berufen. Sieht man aber durch das Bild, so erkennt man drei große Berufsgruppen/in denen die Massen der Juden tätig sind: den Handel, das Handwerk, die Industrie. Zwei Fünftel alier Juden leben vom Handel, zwei Fünftel leben vom Handwerk, Transportwesen und Industrie, vor allem Hausindustrie, bei dem andern Fünftel findet man die freien Berufe, die zahlreichen Lehrer und die Geistlichkeit und außerdem die sehr zahlreichen Gelegenheitsarbeiter für leichtere Arbeit und die Fabrikarbeiter, die nicht . zahlreich sind. Die wirkliche Vorherrschaft haben aber die Ostjuden von all diesen Berufen nur im Handel. Da stellen sie die Vorsteher der Börsenkomitees, die Mitglieder der Handelskammern; aber der Handel ernährt überall nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, und 'in allen andern städtischen Berufen stellen sie nur einen Bruchteil. Und weil d i e B e v u f s g r n p p i e r u n g so ist, haben die Juden in diesem Judengürtel des Ostens n i r gend wo die Majorität und nirgendwo auch nur die unbedingte wirtschaftliche Führung. Weil dem so ist, sind sie politisch stets eine schwächere Gruppe, überall Gedrückte und Unterdrückte, bei den Letten und den Polen, bei den Tschechen und . den Ruthenen und natürlich auch bei den Rumänen. In drei Gestalten tritt der jüdische Groß kauf mann auf. Da ist zunächst der Produktenhändler. In seinen Händen ruht der Warenverkehr von Provinz zu Provinz, von Land zu Land. Von alters her bringt, er die Überschüsse der Ostländer zur See, die riesigen Getreidemassen, die Überschüsse an Holz und an Flachs, an Eiern, an Erzen und Metallen, von alters her ist er der Exporteur in Riga und Petersburg, in Odessa und am Asowschen Meere, in Galatz und in Brailu. Und wie diese Namen schon zeigen, ist seine ganze Existenz auf den Osten aufgebaut, Die Rohprodukte, die seine Aufkäufer, seine Reisenden und Agenten heranschaffen, kommen nur zum kleinen Teil aus dem Judengürtel; der weite Osten liefert ihm die Massen der Exportware. Da ist der andere G r o ß k a u f m a n n , der für die Industrie

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