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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 474

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
Date
1917-05-10
Page
Seite 474 (sequence 3)
Language
German
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474 währenddessen starben und sterben dort drüben die Juden zu Tausendern den Hungertod, und sie allesamt vernichten die Grundlagen ihrer wirtschaftlichen "Existenz. Wie das kommt, sei in knappen Umrissen gezeigt. Dabei sei alles Geschichtliche übergangen. Nur angedeutet sei, daß die Juden in finstern Jahrhunderten aus Deutschland vertrieben, ins polnische Land kamen und dort freundlich aufgenommen wurden; daß sie ihre heimische Sprache so treu bewahrten, daß man jetzt noch deutlich den süddeutschen Anklang in dem.Idiom hören kann. Seltsam haben sie sich durch Jahrhunderte ihre Eigenart erhalten, hatten zeitweilig sogar eine richtige geschlossene politisch-religiöse Organisation, die sich über Groß- Polen und Klein-Polen, Wolhynien und Podolien erstreckte. Hier seien nur drei Fragen kurz erörtert: 1. Wio sah das Wirtschaftsleben der Ostjuden vor dem Kriege aus? 2. Wie hat der Krieg es gestaltet? 3. Welche Ziele sind für die Ostjuden zu erstreben im Kriege und für die Zeit nach dem Kriege? Das Wirtschaftsleben der ostjüdischen Massen vor dem Kriege stand unter der Herrschaft widerstreitender Entwicklungstendenzen. Bis zu den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts kannte man kaum Wirtschaftsnot der Ostjuden. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts geriet ihr Wirtschaftsleben in einen Zustand des Druckes, der weiten Teilen schließlich unerträglich wurde. Dieser Druck hatte drei große Ursachenreihen: Die überaus starke Vermehrung der Ostjuden, die rechtlichen Beschränkungen vor allem in Rußland, und gerade in Rußland das Entstehen der Industrie, das überall sonst in der Welt bisher die größte Förderung für den Juden bedeutet hat. Zunächst die starke Yolksvermehrung bei den Ostj uden. Ein jüdischer Student sagte mir einmal: Die Auswanderung hat bei uns eine sonderbare Wirkung: sie hat 1880 begonnen, damals waren wir 4 Millionen Juden in Rußland; seitdem sind 2 Millionen ausgewandert, und heute sind es 6 Millionen trotz alledem. Im eigentlichen Polen hat sich die jüdische Bevölkerung binnen 60 Jahren fast genau vervierfacht (von XA Million auf 2 Millionen). Daß aber die Juden sich dort so zusammendrängten, das hatte noch einen anderen Grand: Die rechtlichen Beschränkungen der Juden. Die Masse der Juden war stets in Westrußland sitzen geblieben. Aber beträchtliche Teile waren unter der freiheitlicheren Regierung der 50-er und 60* er Jahre doch nach dem Osten abgeströmt, bis weit naoh Innerrußland hin, zum Kaukasus, nach Sibirien. Dem: machte die scharfe Reaktion unter Alexander III. ein trauriges Ende. In Ben Jahren 1881 und 1882 wurde den Juden das Aufenthaljtsrecht in Innerrußland genommen, auf 25 Gouvernements des westlichen Rußlands wurden sie zusammengedrängt, vom großen Reiche blieb ihnen als mögliche Wohnstätte nur der 23. Teil, und auch hier nur die Städte und Städtchen; auf dem platten Lande durften sie nicht wohnen, hatten es übrigens auch vorher nie recht gewollt (nur 8 % hatten überhaupt

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