Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 473 (sequence 2)
- Language
- German
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473 von der Küste des baltischen Meeres von Kurland bis zu den Karpathen, über die Karpathen hinaus an die Donaumtindung, am Schwarzen Meere entlang- und von da wieder bis hinab zur Newa. Da wohnen Juden in dichten Massen, in Städten und Städtchen zusammengedrängt, und ganz einheitlich ist die Kaftanuniform der Männer, fast einheitlich ist ihre Sprache, einheitlich sind die Formen ihres Daseins, gleichviel ob sie unter der Herrschaft der Russen leben, oder in Österreichs Provinzen Galizien und Bukowina, oder in den reichen Ebenen der Walachei. Mitten durch ganz Europa klingt ihr Idiom, das Jiddisch; von der baltischen See bis zum Schwarzen Meere sieht man in allen Städten den langen, schwarzen Kaftan, sieht man ihre Synagogen, selten aus Stein, viel öfter aus Holz, da liest man die Zeitungen, mit hebräischen Lettern gedruckt, da sieht man den Juden als Masse, nicht als Einzelerscheinung, nicht wie in Westeuropa getragen vom Schimmer der Wohlhabenheit und des Erfolges, sondern 8 Millionen Juden in diesem Landgürtel, durch ihre Zusammendrängung als Masse in der Ausnutzung ihrer besonderen Fälligkeiten gehemmt, durch ihre Zusammenpressung teilweise zu Armut, und Elend verurteilt, und doch — das sei scharf betont — es sind Wesensgleiche mit den Westjuden. Wir sind so gern geneigt, von dem niedrigen Kulturzustande da drüben zu sprechen, und im geheimen meinen manche von uns, wir seien ein bißchen von anderer Art, aus anderem Holze sozusagen. Gewiß, sie haben manche sonderbaren Sitten da drüben; wir verstehen ihr religiös unbegreiflich gebundenes Dasein nicht mehr; ihre Moral im Geschäfte und in manchem andern steht oft — wie im Osten überhaupt — tief unter Westeuropa. Aber es sind dieselben klugen, scharf urteilenden Menschen; es ist dieselbe Emsigkeit und Rührigkeit; es ist dasselbe innige Familienleben, es ist nun einmal nur der eine jüdische Stamm. Derselbe Stamm, nur durch ein besonderes Schicksal schlechter gestellt, hinabgedrückt, aber eben war er dabei, sich auch dort wieder emporzuheben und die alte, ungebrochene Kraft an neu aufwachsenden Aufgaben im Osten zu betätigen, da hat ihn der Krieg noch einmal niedergebrochen, schwerer als irgendeinen andern unter den zahlreichen Völkerstämmen, die in dieser weiten Tiefebene wohnen und schaffen. Mitten durch diesen „Judengürtel" ist der-Krieg dahingegangen, nicht einmal, sondern drei-, viermal hin und her gegangen. Noch heute zieht, sich mitten durch dieses Land die feurige Linie, und seitdem Rumänien erobert worden ist, lebt etwa die Hälfte der Ostjuden auf unserer Seite' der Feuerlinie. Abgeschnitten vom Verkehr mit dem Osten, der bis dahin ihre Lebensquelle war, schlimmer noch abgeschnitten von der Möglichkeit nutzbringender Arbeit, stehen nun diese Judenmassen plötzlieh verarmt und verelendet vor einem Ruin, von dessen Größe und Bedeutung die allermeisten Westjuden, keine Ahnung haben. Denn die Westjuden streiten sich mit klugen Argumenten, ob die Kinder in jenen Judenschulen Jiddisch lernen sollen oder vielleicht Polnisch, Tschechisch, Litauisch und Rumänisch, ob sie diese oder jene politische Vertretung in unbekannten künftigen Staatswesen haben sollen; und