Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Der polnische Staatsrat und die Rechte der nationalen Minderheiten
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 471 (sequence 5)
- Language
- German
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471 fahren wie in Galizien. Dort haben sie nämlich ein Gesetz durchgeführt, kraft dessen alle Katholiken und ... . Juden in vornhinein dem polnischen Sprachenkataster angehören. Dergestalt wird der polnische nationale Besitzstand durch die Juden künstlich vergrößert, und die Juden sind nicht nur selbst unterdrückt, sondern sie dienen auch als willenloses Werkzeug zur Unterdrückung der anderen Minoritäten. Die Wahrung der nationalen Rechte der Juden liegt somit auch im Interesse der anderen Nationalitäten. Dabei ist es für die letzteren wichtig, die Juden eben als besondere Nationalität gelten zu lassen., statt sie von vornherein an der Seite der zeitweiligen Machthaber zu sehen. Welchen Schaden solche künstlichen Konstruktionen von Mehrheiten anrichten können, lehrt das Beispiel der Bukowina, wo schließlieh sogar die Deutschen dafür eintraten, die Juden als selbständige Nationalität anzuerkennen, obwohl dort die Juden gesetzlich zu den Deutschen gerechnet werden. Zum Schluß muß bemerkt werden, daß die Ablehnung der nationalen Rechte, mit dem Hinweis darauf, die Juden seien ein „zugewandertes Element", sehr unlogisch erscheint. Wenn man einen „An? kömmling" für minderwertig hält, so kann man Um vielleicht der bürgerlichen Rechte berauben, aber doch nicht der nationalen. Denn der „Zugewanderte", „Fremde", ist doch erst recht kein „NationaSpole". Der Standpunkt des Staatsrates kann also nur damit erklärt werden, daß er recht wohl weiß, daß es ohne nationale Rechte auch keine bürgerlichen gibt. Lehrt uns Juden doch leider täglich die Wirklichkeit, daß wir trotz der bürgerlichen Gleichstellung in unseren elementarsten menschlichen Rechten, zurückgesetzt werden. „Bürgerliche Gleichstellung" bedeutet für den Juden in Polen, daß er auf dem Papier alle Rechte als Pole erhält, um in Wirklichkeit auf Schritt und Tritt als Jude der primitivstell Rechte beraubt zu. werden. Nach alledem ist klar, welche Bedeutung die den Orthodoxen als Dank für ihre untertänige Adresse gegebene Zusage hat, die Juden als gleichberechtigte Bürger in der Zukunft zu betrachten. All das sind leere Redensarten, die man im zwanzigsten Jahrhundert nicht entbehren kann. Recht bald nach diesem Versprechen hat sich erwiesen, daß die öffentlich anerkannten „Bürger" im geheimen Protokoll als „Zugewanderte" und „Ankömmlinge" figurieren. Wir sind weit davon entfernt, die Haltung des Staatsrates mit der ganzen öffentlichen Meinung- Polens zu identifizieren. Wie bekannt, ist der Staatsrat unter der polnischen Bevölkerung nichts weniger als populär. Es darf aber nicht geleugnet werden, daß diejenigen Richtungen, deren Ansichten jetzt zum Ausdruck kommen, sich den Juden gegenüber wenig freundlich verhalten. Das ist auf den übertriebenen Chauvinismus zurückzuführen, der andauernd genährt wird, indem die polnischen Führer ihrem Volke erzählen, die polnische Nation sei jetzt der ganzen Wrelt unentbehrlich und könne deshalb beliebige Ansprüche steilen, und brauche den anderen, besonders den vermeintlichen Schwächeren, ihrerseits nichts zu geben.