Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Der polnische Staatsrat und die Rechte der nationalen Minderheiten
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 472 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908706-2909749--0780-2909812- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
472 Um die Verhältnisse klarzustellen, muß man den Polen zu verstehen geben, daß es sich bei der Neuordnung der Dinge wirklich nicht um irgendwelche 'Verdienste ihrerseits handelt — die sie doch, aufrichtig gesagt, ebensowenig haben wie die anderen Nationalitäten —, sondern um Ausgestaltung des künftigen Polens zu einem Rechtsstaat, wo es nicht ein „Herrenvolk" und „Ankömmlinge" gibt, sondern lediglich gleiche und mit allen Rechten ausgestattete Bürger. Das wird aber nur möglich sein, wenn das künftige Polen — wie groß es immer sein möge — als Nationalitätenstaat eingerichtet wird. Wo mehrere Nationalitäten vermischt untereinander leben, müssen auch ihre Rechte — bürgerliche und nationale — verfassungsmäßig gesichert werden. Der feste Wille der öffentlichen Meinung in dieser Richtung wird die Polen von ihrem Chauvinismus recht bald heilen, wie das schon manchmal in der Geschichte anderwärts geschehen ist. Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa Von Prof, Dr. J u 1 i u s Hirsch, Köln V. (Schluß) ^^^(^Tir zeigten, daß die Westjuden vom Kriege in günstiger Wirtschaftslage getroffen worden sind, und daß große lohnende ©vSivÖ Aufgaben zumal in Mitteleuropa als Deutsche ihrer harren. Eine nicht minder große Aufgabe stellt ihnen aber der 0 s t e n; so groß, wie sie in der uralten Geschichte des jüdischen Stammes kaum in Jahrhunderten aufgetreten ist. Und um dies gleich vorwegzunehmen: Es scheint, daß die Juden der Zentralmächte bei dieser Aufgabe bis heute versagt haben. Sie, die so viele Führer stellen in Wirtschaft und Politik, im Bankwesen und .Hände], in Wirtschaftsverwaltung und Literatur, haben keine Führer in ihrer eigensten Sache. Die in anderen Fragen ganz voranstehen, die Führer in Wirtschaft, Wirtschaftspolitik und Schrifttum, sie wollen von dieser Frage nichts wissen. Und unter denen, die an der Spitze der jüdischen zentralen Organisation stehen, sind, so scheint es, auch keine Führer des ganzen Judentums in einer bedeutungsschweren Schicksalsstunde. Es gibt nämlich eine w i r t - s c h a f 11 i c h e 0 s t j u d e n f r a g e. Sie sei hier betrachtet, wie man von einer ganz fernen, fremden Sache spricht. Eine solch ferne und fremde Sache war sie uns allen, bis wir sie mit'eigenen, staunenden Augen sahen, da drüben in diesem seltsamen Lande. Es gibt unter uns einige, die davon träumen, daß die Juden dicht beieinander wohnen, eine geschlossene Masse bilden sollen in einem eigenen Judenlande. Nun haben wir ein solches Judenland gesehen. Ein breiter Landstreifen, ein „j ü d i s c h e r Gürte 1" geht mitten durch Europa. Er zieht sich durch eine ungeheure Tiefebene