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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 470

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Der polnische Staatsrat und die Rechte der nationalen Minderheiten
Date
1917-05-10
Page
Seite 470 (sequence 4)
Language
German
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470 kann. Haben doch die Deutschen-immerhin ein klein wenig zurx Befreiung Polens beigetragen, haben sie doch die Möglichkeit, ein Wörtchen in die Verhältnisse hineinzureden! Um die Stellungnahme der Polen gegenüber den Deutschen richtig zu beurteilen, möge man den Standpunkt der Kongreßpolen zur deutschen Frage mit dem Standpunkt der russischen Polen vergleichen. In Rußland reden die Polen zwar auch über nationale Rechte der Minderheiten, aber nicht über die der in Polen lebenden Deutschen, sondern der sich dort aufhaltenden Russen, Die Tatsache also, daß man nun den Deutschen nationale Rechte, zuerkannt hat, ist nicht auf den Gerechtigkeitssinn der Polen, sondern auf die Macht der Deutschen zurückzuführen. Und den Juden will man keine Rechte gewähren, weil die polnischen Führer wähnen, es würde sich für die Juden niemand einsetzen. Bezeichnend ist auch das vom Staatsrat angegebene Motiv dieser Ablehnung: die Juden seien ein „zugewandertes41 Element, sie seien „Ankömmlinge". Wir wollen uns hier nicht darüber auslassen, daß dieser Standpunkt, geschichtlich betrachtet, Unsinn ist: die Vorfahren vieler Juden wie Deufschen sind nach Polen vor etwa 1000 Jahren eingewandert, bevor es noch ein polnisches Reich gab. Und jedenfalls sind die Juden nicht später als die Deutschen, denen doch nationale Rechte eingeräumt werden, in Polen eingewandert. Ihre kulturellen Verdienste — als Kern des BürgGTtums, als erheblicher Bestandteil der Intelligenz usw. — sind wirklich nicht mindere als die der polnischen Schlachta. Wie dem immer sei, der reaktionäre Standpunkt vom „Herrenvolk14 und den „Gästen" r (den die Polen, wo es sich um sie selbst handelt, als Barbarei brandmarken) enthält eine Beleidigung nicht nur für die Juden, sondern auch für die Deutschen, die doch unter diesem Gesichtswinkel auch ein „zugewandertes44 Element sind. Überhaupt ist eine zurücksetzende Behandlung der Juden nicht eine ausschließliche Frage der Judenheit, sondern aller in Betracht kommenden Minoritäten. Was heute mit den Juden geschieht, das werden je nach den Umständen auch die übrigen Nationalitäten am eigenen Leibe erfahren. Noch ein Moment muß hier in Betracht gezogen werden. Die jüdischen Rechte können gar nicht beeinträchtigt werden, ohne daß man zugleich auch die Rechte der anderen Minoritäten schmälert. Denn nehmen wir an, die Juden würden ihrer nationalen Rechte beraubt und zur „Assimilation41 verurteilt, so bedeutete doch eine derartige „Assimilation44 noch nicht Polonisierung. Wenn sie im polnischen nationalen Kataster zwangsmäßig polonisiert werden, so würde den Juden nichts übrig bleiben, als sich in eine andere nationale Kurie —: z. B. die ruthenische oder deutsche — einschreiben zu lassen, wo sie nation a 1 e und bürgerliche Rechte zweifellos genießen werden, da es im Interesse jeder nationalen Gruppe liegt, ihren nationalen Besitzstand, wenn auch nur scheinbar, zu vergrößern. Das werden sich aber die Polen als „Herrenvolk44 nicht gefallen lassen, und mit den Juden ver-

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