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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 469

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Der polnische Staatsrat und die Rechte der nationalen Minderheiten
Date
1917-05-10
Page
Seite 469 (sequence 3)
Language
German
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__________........................._............_.....______..... _........._________....._ 469 Mit den Juden macht man selbstverständlich erst recht kurzen Prozeß. Herr -St. Kempner verurteilt sie zur rücksichtslosen Zwangspolonisierung, wobei er natürlich das Fehlen der Sprachenverwandtschaft in diesem Fall nicht mehr als eine Hemmung betrachtet. Sämtliche Juden im künftigen „Großpolen" sind für ihn polonisierungsfähig. Wer nicht die polnische Kultur annehmen will — gehört zum finsteren Pöbel. Die so viel angefeindeten „Litwakis", die bisher samt und sonders, nach Angabe der Polen, bald inbrünstige Nationaljuden, bald begeisterte Nationalrussen waren — je nachdem es zum Spiel paßte —, sind ebenfalls auf einmal „Polen" geworden. Was für Rechte die Polen den anderen Nationalitäten auf ihrem eigenen Heimatboden zuzuerkennen geruhen, darüber erfahren wir blutwenig. Die deutsche Nationalität ist überhaupt mit Stillschweigen übergangen. Einen Passus zwar finden wir über sie, aber einen recht merkwürdigen. „Es ist möglich — heißt es — daß die Deutschen Lodz, als einen am meisten nach dem Osten vorgeschobenen Vorposten des Deutscht ii m s , nicht fallen lassen werden." Außerhalb L o d z will man somit keine Deutschen mehr sehen. Wie man die Rechte der Deutschen in diesem L o d z aber achtet, beweist am besten das Verhalten der Polen in beziig auf den ersten gewählten Stadtrat. Dort fordert man z. B. die Abdankung der deutschen Beamten, rein polnische Verhandlungssprache usw. Und das geschieht bereits jetzt, da noch .das künftige ..freie" Polen nicht aufgerichtet ist. Aus dem obigen erhellt, daß in unbewachten Stunden geplant wird, alle nationalen Minderheiten in gleicher Weise glücklich zu machen. Was ist also jetzt geschehen, wenn der Staatsrat, der dieselbe Richtung (wenn nicht eine noch mehr chauvinistische) darstellt, wie die Schriftsteller der .,Polennummer", plötzlich sämtliche Nationalitäten anerkennt, und lediglich für die Juden eine zurücksetzende Ausnahme macht? Darauf gibt es eine ganz klare Antwort. Der Staatsrat tut es nicht aus eigene m W i 11 e n. Erstens ist die ganze Behandlung der Nationalitätenfrage auf Anregung aus Berlin erfolgt. Sodann haben die Ruthenen, Litauer und Weißrussen ihre Unzufriedenheit mit der polnischen Politik in schärfster Weise letztens zum Ausdruck gebracht. Erst dieser Umstand hat die polnischen Führer gezwungen, eine neuo Politik einzuschlagen. Sic tun nun so, als wollten sie den Ruthenen, Litauern und Weißrussen etwas schenken, während sie ihnen doch in Wirklichkeit zugunsten der polnischen Nationalität viel n e h m e n wollen. Handelt es sich doch nicht um die Rechte dieser Nationalitäten auf polnischem historisch-ethnographischen Gebiet, sondern auf eigenem nationalen Boden. In diesen Gebieten bilden aber nicht die erwähnten drei Nationalitäten, sondern eben die Polen die Minorität! „Minderheitsrechte" kommen lediglich in bezug auf die Deutschen in Betracht — und deshalb hat man sie auch bei der Aufzählung an die vierte Stelle gesetzt. Man gibt ihnen dadurch zu erkennen, daß man ihnen die Rechte auf national-kulturelle Eigenart nicht deshalb zuspricht, weil es das Gewissen befiehlt, sondern weil man nicht anders handeln

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