Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 460 (sequence 8)
- Language
- German
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460 Eine an einer anationalen Auffassung des Judentums orientierte Wissenschaft und Politik war, soweit sie sich auf Wiesteuropa beschränkte, durchaus verständlich und berechtigt Vcrkennurig der geschichtlichen Zusammenhänge hat zwischen den historischen Kategorien Emanzipation-Assimilation ein umgekehrtes Kausal Verhältnis festgestellt. Die Entjudung war nicht die Folge, sondern die Voraussetzung der Emanzigropation. Die Entnationalisierung des W.estjudentums war bereits im großen ganzen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzogen, und die deutschen Juden waren längst alles völkischen Eigenlebens bar, als noch die „jüdische Nation41 auf allen amtlichen und privaten Urkunden in Preußen figurierte. Daß es so weit kam, dafür trägt das Judentum selbst und keiner &onst die Verantwortung vor der Geschichte. Die assimilatorische Emanzipationspolitik Westeuropas ist in vollem Maße der westjüdischen Wirklichkeit gerecht geworden. Zu großer Willkür, zum offenkundigen politischen Unsinn artete die anationale Emanzipation smaxime aus, als man versuchte, sie auch auf den im Vollbesitz seiner nationalen Eigenart und seines geistig-kulturellen Eigenlebens befindlichen Hauptkomplex des jüdischen Volkes anzuweiK den: Auf das 0 s t j u d e n t u m. Wir denken nicht an den durch die dritte Polenteilung von 1795 dem Westen ausgelieferten und an ihm jüdisch zugrunde gegangenen Teil des Ostjudentums. Wir denken nicht an die nicht :einmal schöne Episode der Marquis Wielepolskischen „Judenemanzipation" in Polen, die den Juden sogar das Recht auf den Gebrauch ihrer Muttersprache abstntt und das kra-sseste Schulbeispiel einer ,,rein bürgerlichen" Emanzipation bildete. Wir denken auch nicht an die schmachvolle staatsbürgerliche Situation in der das Judentum G a 1 i z i e n s noch ein Jahrhundert nach seiner „Emanzipation" verharrte. Unser Blick ist der lebendigen Gegenwart zugewendet. Wir denken an den nationalen Emanzipation s k a m p f des Ostjudentums in Österreich und in Polen. Hier hat die westliche Emanzipationsideologie Unrecht auf Unrecht gehäuft. Hier artete das harmlose Schlagwort von der „Religionsgemeinschaft" in Entrechtung und Unterdrückung, in Willkür und Vergewaltigung der elementaren Menschenrechte aus. Das jüdische Millionenvolk in Polen und Österreich kämpft um seine Sprache und seine Volkskultur: Um die national-kulturelle Autonomie. „Den Juden als Nation alles verweigern" heißt hier auch ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde mit Füßen treten. Dies geschieht. Unter fortwährender Berufung auf den Westen wird den Juden all das vorenthalten, was allen anderen noch so wenig zahlreichen und noch so kulturell tiefstehenden, kaum geschichtlichen Volksgruppen ohne weiteres zugestanden wird. Die Revolution von 1917 wird mit dieser Erbschaft der Revulution von 1789 g r ü n d 1 i cli aufräumen. Der Emanzipationskampf des russischen Judentums stand im Zeichen des aufstrebenden nationalen Bewußtseins. Es gab und gibt im