Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 459 (sequence 7)
- Language
- German
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459 rechte beschränkt werden.*4 Seine von edlem Pathos getragene Schutzrede für die Judenheit Frankreichs gipfelte in den feierlich verkündeten Worten: „Den Juden als Nation sei alles zu verweigern, den Juden als Menschen sei alles zu gewähren!'4 Abbö Mory, der den Antrag bekämpfte, meinte darauf: „Keineswegs-bedeute das Wort Jude eine religiöse Sekte. Es sei die Bezeichnung einer Nation, die ihre Gesetze hat, die sie stets befolgte und auch weiter befolgt.'1 Die Juden mußten als Nation untergehen, um als Bürger wieder aufzuerstehen. 1791 wurde der jüdischen „Religionsgemeinschaft'* die Gleichberechtigung zuteil. Wenige Jahre später erklärten die Mitglieder der von Napoleon I. in den Jahren 1807—1809 einberufenen „Synedrions": „Die Juden bilden gegenwärtig keine Nation mehr, sondern einen Bestandteil der großen Nation und betrachten dies als eine politische Erlösung." Dio Meisterheuchler und Erzschwätzer waren diesmal unzweifelhaft ihrer wahren und ehrlichen Überzeugung treu geblieben. Nein, das von ihnen vertretene Häuflein Französisch oder Elsässisch redender Israeliten war wirklich keine „Nation". Sie behielten gnädig ihre „Gleichberechtigung" und ihre konfessionelle Organisation. Die Staatsweisheit der Revolutionsmänner machte Schule. Die jüdische „Religionsgemeinschaft" wurde bald zum politischen Sehibboler aller westlichen Liberalen. Es war dies natürlich. Der Typus des entnationalisierten „Westjuden" war bereits um den Ausgang des 18. Jahrhunderts konstant. Die deutschen Juden zumal, gelehrter und systematischer als die Glaubensgenossen jenseits des Rheins, hatten die neue Erkenntnis längst zu einem wohlgefügten System ausgebaut. Mendelssohns „Jerusalem" hatte ja bereits im Jahre 1783 das Licht erblickt. (Worauf allerdings bereits Kant, der das Judentum streng nation al aufgefaßt wissen wollte, in seiner „Anthropologie" ätzend reagierte.) Im Zeichen der „Religionsgemeinschaft" stand auch der Emanzipationskampf des deutschen Judentums. Hier waren allerdings die Höchstpreise für Gleichberechtigung weit höher gesetzt. Während es die Revolutionvmänner bei der ihnen ganz gleichgültigen „Religion" bewenden ließen, erblickte der deutsche Liberalismus und die deutschen Staatsmänner in der erhofften restlose n Assimilation die Voraussetzung der Emanzipation. (Johann Heinrich von Treitschke und Friedrich Paulseu haben es offen*ausgesprochen; letzterer rechtfertigt sogar mit der ausgebliebenen „Restlosigkeit" die verfassungswidrige gegenwärtige Rechtslage der deutschen Juden. So zu lesen in seinem „System der Ethik". In Preußen namentlich'' nahm man kein Blatt vor den Mund. Der nach der Befreiung von 1800 vom König mit der Revision der Judengesetze beauftragte Minister von Sehrötter frug bei dem Kriminalrat Brand in Königsberg an, ob er vielleicht ein "Mittel wüßte, die Juden unblutig, jedoch mit einem Male totzuschlagen. Der also Be: fragte erwiderte, er wüßte ein gutes Mittel, das Judentum umzubringen — die Emanzipation.) In dieser Erwartung und unter dieser verhüllten und unverhüllten Gegenforderung wurde die Emanzipation des gesamten Westjudentums in der ersten Hälfte des ID.Jahrhunderts vollzogen.