Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 451 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908706-2909745--0752-2909791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
451 viel Energie und Ausdauer, aber leider ohne Erfolg einsetzten. Ihre Polemiken gegen den bürgerlichen Zionismus und gegen den „Bund" waren voller Übertreibungen und nicht frei von Demagogie, aber eben deshalb für. den Augenblick sehr wirkungsvoll. Ihr Kardinalirrtum war die Illusion, daß man die Emigrationsfrage durch Kolonisation im Handumdrehen lösen könne. Als die in Zaugwills Pläne gesetzten Hoffnungen ins Galvestoner Wasser fielen, löste sich die zionistischsozialistische Partei faktisch auf. Nur einzelne versprengte Gruppen hängen mit einer seltenen Zähigkeit ah den alten Schlagworten. Das Gegenstück der Zionisten-Sozialisten waren die Autonomisten („Sejmisten"), eine kleine aber intellektuell hochstehende Gruppe, die den kühnen Gedanken einer weitgehenden jüdischen Autonomie in den Diasporaliindern mit viel Scharfsinn verkündeten. Der Degenerationstheorie der vorerwähnten Gruppe setzten die Autonomisten die Theorie der fortschreitenden Regeneration des jüdischen Volkes entgegen. Auch den Gedanken des Territorialismus machten sie sich zu eigen, erklärten aber die Erlangung der Autonomie als Voraussetzung seiner Verwirklichung. Vom „Bund" unterschieden sie sich hauptsächlich dadurch, daß sie die nationale Selbstbestimmung nicht auf die Schul- und Kulturangelegenheiten beschränkt sehen "wollten, sondern ihre Ausdehnung auf alle Angelegenheiten des jüdischen Volkes forderten, die Regelung der Auswanderung und die Kolonisation im jüdischen Zukunftsland eingeschlossen. Die Autonomisten haben es nie zu einer bedeutenden Parteiorganisation gebracht. Dagegen war es ihr großes Verdienst, daß sie das Denken anderer mächtig beeinflußt haben. Beide geschilderten Richtungen rekrutierten ihren Anhang zunächst aus den Poale-Zion-Gruppen, die sich an zahlreichen Orten spontan gebildet hatten und die ohne eigentlichen Zusammenhang miteinander bestanden, so daß sie den organisierten Einfällen theoretisch besser ausgerüsteter Gegner nicht standhalten konnten. Es ergab sich daher die Notwendigkeit einer Zusammenfassung der übriggebliebenen Gruppen unter einer einheitlichen Leitung. Diesem Bedürfnis wurde durch die Gründung der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei („Poale-Zion") entsprochen. Diese Partei suchte die von ihren eigenen Anhängern und den verwandten Gruppen neugewonnenen Gedanken von ihren Schlacken zu reinigen, zu vertiefen, zu einem einheitlichen System zu verbinden und dieses zur Grundlage ihrer politischen Wirksamkeit zu machen. In ihrem Programm hat sie den gesunden Kern der Theorien aller anderen jüdischen sozialistischen Parteien aufgenommen, ergänzt und synthetisch vereinigt. Von den Interessen des jüdischen Proletariats und der Idee des Klassenkampfes ausgehend, sieht die Partei in der jüdischen Kolonisation Palästinas das wichtigste Mittel zur normalen Entwicklung der Produktivkräfte des jüdischen Volkes und seiner Regeneration. Sie fordert, ebenso wie die „Sejmistenu, eine weitgehende nationale Autonomie, ohne aber die kolonisatorische Arbeit von der Realisierung dieser