Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 450 (sequence 5)
- Language
- German
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450 er die streitenden Lager zur theoretischen Vertiefung und zum politischen Umlernen. Man disputiert so lange, bis man die Argumente des Gegners annimmt, sagt Heine. Hier bewahrheitete sich dieses Wort im hohen Grade. Der „Bund44 hatte die Arena ohne nationales Programm betreten, .nahm aber ein solches im Laufe des Kampfes auf (national-kulturelle Autonomie), Der Zionismus war ihm mit der Losung der landespolitischen Abstinenz entgegengetreten, mußte aber später selbst die Landespolitik zu einem Eckstein seines Programms machen (Helsingforser Programm der russischen Zionisten). Der Kampf ist noch nicht abgeschlossen. Auch in der Zukunft werden wohl Zionismus und „Bundismus44, an der gegenseitigen Erziehung arbeiten. Der Herzische Zionismus und der „Bundismus" befanden sich nur kurze Zeit in unmittelbarer Kampfstellung gegeneinander. Zwischen die streitenden Lager trat bald der proletarische Zionismus, der, im Prozesse seines Werdens von beiden angefeindet, den Kampf auf beiden Fronten aufnahm, und, beide Richtungen befruchtend, eine Brücke zwischen ihnen herstellte. Der Gedanke einer harmonischen Verbindung des Zionismus und des Sozialismus mußte sich denjenigen, die die Lebensberechtigung beider Ideale empfanden, von selbst aufdrängen. Hier stand man aber vor einem einzigartigen theoretischen und praktischen Problem. Der Zionismus hatte eine romantische Literatur und operierte mit gefühlsmäßigen Argumenten, war aber wissenschaftlich bettelarm. Die jüdischen Sozialisten hatten ihr spärliches theoretisches Rüstzeug der europäischen, namentlich der deutschen Sozialdemokratie entlehnt, zeigten aber weder eine Spur originellen Denkens noch den mindesten Willen zur Erforschung der eigenartigen jüdischen ökonomischen Probleme, trotzdem sie auf ihren Marximus pochten. Nationale Romantik und pseudomarxistische Phraseologie lagen sich in den Haaren. Da galt es zunächst, mit der geistigen Anspruchslosigkeit beider Lager aufzuräumen. Der proletarische Zionismus mußte deshalb seine Laufbahn mit einer theoretischen Himmelstürmerel beginnen, die viele fruchtbare Gedanken an den Tag förderte. Es lag aber in der Natur der Dinge, daß er selbst nicht als eine fertige einheitliche Weltanschauung auftreten konnte. Seine Jünger machten eine Periode des Suchens und Grübelns durch, hielten jeden neugefundenen Gedanken für der Wahrheit letzter Schluß und zerfielen in unzählige Richtungen. Es war schon ein großer Fortschritt, als sich die Strömungen des proletarischen Zionimus in der Periode der ersten russischen Revolution zu drei selbständigen Parteien vereinigten. Die seinerzeit überaus rührigen Zionisten-Sozialisten verkündeten die Theorie der jüdischen Verelendung, forderten schnelle Abhilfe durch den Ugandaplan, der später vom Territorialismus abgelöst wurde. Die Idee der jüdischen Autonomie in den Diasporaländern erklärten sie für eine „kleinbürgerliche Utopie'4 (ein sehr beliebtes Schlagwort in jener Zeit). Die Emigrationsfrage . war sozusagen ihr Spezialfach. Sie waren die Urheber des Planes eines jüdischen Emigrationskongresses, für den sich einzelne von ihnen mit