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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 449

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
Date
1917-05-10
Page
Seite 449 (sequence 4)
Language
German
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449 reichste und bestorganisierte Arbeiterschaft aufweisen. Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Daß der unverfälschte Internationalismus den progressiven Nationalismus nicht ausschließt, sondern vielmehr ergänzt, ist nachgerade zum Gemeinplatz geworden. Es ist seit jeher das eigenartige Schicksal des jüdischen Nationalgedankens gewesen, die Volksmassen zum Träger zu haben. Die jüdische Assimilation als p o 1 i - tische Richtung ist in allen ihren lokalen Färbungen hauptsächlich die Ideologie einer antisozialen Oberschicht, die mangels eines politischen Kraftzentrums innerhalb des jüdischen Volkes in der Existenz der jüdischen Nation ein Hindernis zur Befriedigung der ihrer Klasse innewohnenden Expansionsbestrebungen sehen muß. Die Assimilation als politisches Ziel ist nichts anderes, als eine ideologische Wiedcrspielung der ökonomischen Klasseninteressen der jüdischen «Bourgeoisie. Das jüdische Proletariat lehnt aus einem gesunden sozialen und nationalen Instinkt die Assimilation entschieden ab. Allerdings hat sich die jüdische Arbeiterklasse als Ganzes genommen noch nicht zur völligen Klarheit ihrer nationalen Aufgaben durchgerungen. Sie ist aber auf dem besten Wege zu diesem Ziel. Die Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung Rußlands ist in dieser Hinsieht sehr lehrreich. Als im Jahre 1897 der „Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Polen, Litauen und Rußland" gegründet wurde, suchte man diesen „Separatismus" mit dem schüchternen Hinweis auf die Notwendigkeit des Kampfes für die bürgerliche Gleichberechtigung und das praktische Organisationsbedürfnis zu rechtfertigen. Ein nationales Programm hatte die junge Partei nicht, die jiddische Sprache wurde bloß als Propagandamittel angesehen. Während der „Bund" einen heroischen Kampf ohne nationale Perspektiven aufnahm, verkündete der gleichzeitig entstandene politische Zionismus ein großes, aber abstraktes nationales Ideal. Sowohl in ihren Zielen als in ihren Mitteln waren beide Richtungen so grundverschieden und entgegengesetzt, daß ein hartnäckiger Kampf zwischen ihnen vom Anbeginn an unvermeidlich war. Während der „Bund" jede positive nationale Zielsetzung als mit den Ideen des internationalen Sozialismus in Widerspruch stehend erklärte, lehnte der Herzische Zionismus ursprünglich die „Gegenwartsarbeit" und erst recht, jede (landes-)politische Betätigung ab. Die zur unterirdischen Existenz verurteilte sozialistische Organisation nannte den Zionismus eine „kleinbürgerliche Utopie" und verdächtigte ihn wegen seiner legalen Betätigung der Sympathie der von ihr so glühend gehaßten Regierung, wogegen die Zionisten in den kosmopolitischen Sozialisten nationale Abtrünnige und gefährliche Revolutionäre sahen. Es entbrannte ein langwieriger erbitterter Kampf zwischen beiden Richtungen, der mitunter sehr abstoßende Formen annahm, der aber < nicht nur unvermeidlich war, sondern im großen ganzen außerordent- ' lieh befruchtend wirkte. Einerseits rüttelte er die lethargischen .Massen auf und lehrte sie politisch denken und handeln, andererseits zwang

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