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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 448

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
Date
1917-05-10
Page
Seite 448 (sequence 3)
Language
German
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445 ist aber keineswegs in der allgemeinen Freiheitsbewegung politisch aufgegangen. Wir verfügen in "Rußland über eine eigene weitverzweigte politische Bewegung, deren leitende Motive die Ideale des Zionismus, der Demokratie und des Sozialismus sind. Namentlich hat sich das tapfere jüdische Proletariat einen Ehrenplatz in der Geschichte der russischen Freiheitsbewegung und des jüdischen Volkes gesichert. Die russische Revolution ist in erster Linie eine proletarische Revolution in dem Sinne, daß das Klassen- und zielbewußte Proletariat in ihr die führende Rolle spielt. Wie die Arbeiterklasse die treibende Kraft der russischen Freiheitsbewegung im allgemeinen war, so war die jüdische Arbeiterschaft in hohem Grade die treibende Kruft innerhalb der Arbeiterklasse Rußlands einerseits und des jüdischen Volkes andererseits. Der politischen Wirkungssphäre der jüdischen Arbeiterklasse sind allerdings durch seine untergeordneten ökonomischen Funktionen enge Grenzen gezogen. Das jüdische Proletariat in Rußland ist vorzüglich ein Handwerksproletariat: in Fabrikbetrieben ist bloß ein Bruchteil der jüdischen Arbeiter untergebracht, und zwar in Betrieben niedriger nationalükonomischer und industrieteehniseher Ordnung. Trotzdem betätigte die jüdische Arbeiterschaft immer eine außergewöhnliche revolutionäre Energie und bildete zuweilen die Front der Freiheitsbewegung. Es war, als ob das jüdische Proletariat seine politische Schwäche durch revolutionären Heroismus wettmachen wollte. Die Revolution von 1905, in der der Generalstreik die erste Rolle spielte, führte den tragischen Widerspruch zwischen dem Wollen und Können der jüdischen Arbeiterschaft vor Augen. Der außerordentliche revolutionäre Eifer der jüdischen Arbeiterklasse ist auf zwei Umstände zurückzuführen: auf den ungeheuren politischen Druck, der auf der jüdischen Bevölkerung lastete, und auf den Umstand, daß die jüdischen Arbeiter, ungleich den nichtjüdischen, nicht dem elenden und finsteren russischen Dorfe entstammten, sondern dem intellektuell unvergleichlich höherstehenden deklassierten jüdischen Mittelstand. Geistig den nichtjüdischen Klassengenossen zu sich emporgehoben zu sehen, mußte vom Anbeginn der Heimlichste Wunsch der für die Ideen der Demokratie und des Sozialismus von Hause aus höchst empfänglichen jüdischen Proletarier sein, die dem Zarismus nach der Niederschlagung der Bewegung der „Narodniki-- die ersten Schlachten lieferten und nach Kampfgefährten Ausschau hielten. Als dieses Ziel erreicht war, war die Sendung des jüdischen Proletariats in der russischen Freiheitsbewegung erfüllt. Um so nachhaltiger aber ist die Rolle des jüdischen Proletariats als Erwecker des jüdischen Volkes. Hier stehen wir vor einem scheinbaren Widerspruch. Die jüdische Arbeiterschaft war in ihren Organisationsanfängen durchaus kosmopolitisch und hat auch niemals ihre internationale Gesinnung verleugnet. Trotzdem hat die Assimilation in ihr den ersten, weil widerstandsfähigen Feind. Es kann als allgemeine Regel behauptet werden, daß unter sonst gleichen Umständen die Assimilation dort am schwächsten ist, wo wir die zahl-

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