Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 447 (sequence 2)
- Language
- German
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447 Volkes, an die Lösung unserer historischen Probleme treten. Die Judenfrage, die Frage unserer ökonomischen und kulturellen Volksnot, bisher der privaten und privatgesellschaftlichen Initiative überlassen, und völlig mit inadäquaten Mitteln behandelt, wird zur Sache der Volksgcsamtheit erhoben werden. Ungeheuere Perspektiven schöpferischer nationaler Kraftentfaltung eröffnen sich liier. Daß das, Beispiel der Judenheit Rußlands nicht ohne Wirkung auf unsere Volksteile in den anderen Ländern bleiben kann, liegtauf der Hand. Damit ist der wesentliche Unterschied zwischen der von der französischen Revolution eingeleiteten Judenemanzipation Westeuropas und den von der russischen Umwälzung zu gewärtigenden Folgen für das jüdische Volk angedeutet. Auf die westeuropäische Judenemanzipation mußte aus vielfachen Gründen eine Periode nationaler Zersetzung und nationalen Niederganges folgen. In Rußland hingegen erleben wir jetzt den Beginn einer Periode nationaler Kräftesammlung und nationalen Aufschwungs. Deshalb sträubt sich die Feder, die Bezeichnung Judenemanzipation auf den in Rußland durch den Sturz des Zarismus eingetretenen Zustand anzuwenden. Man ist gewohnt, mit diesem Ausdruck Begriffe zu verbinden, die auf das heutige Rußland nur zum Teil zutreffen. Im Westen erfolgte die Befreiung der Juden unter der ausdrücklichen oder stillschweigenden Bedingung der Befreiung vom Judentum, des Verzichtes auf das jüdische Volkstum, auf die nationale Eigenart und die überlieferten nationalen Hoffnungen. Die russische Judenheit würde eine derartige Zumutung aufs entschiedenste zurückweisen. Sie betrachtet die Anerkennung ihrer Menschen- und Bürgerrechte als ersten Schritt. Sie wird nicht nur auf ihr Volkstum keinen Verzicht leisten, sondern sich nicht eher zufrieden geben, bis sein Bestand, und seine Entwicklungsmöglichkeiten verfassungsmäßig gewährleistet sind. Sie befindet sich in einer so völlig anders gearteten Geistesverfassung als die Juden der Emanzipationszeit in Frankreich, Italien, Holland, Deutschland, daß die Ideologie dieser Juden sie ganz fremdartig anmutet. Ungleich den Juden des Westens empfindet die große Mehrheit der russischen Judenheit die Freiheit nicht als hochherziges Geschenk eines emporgekommenen Geschlechts, das sie zu weitergehenden Gegenleistungen verpflichten würde, als die anderen Staatsangehörigen. Sie fühlen sich nicht im mindesten als Objekt der Beglückung, als sozial und kulturell inferiores Element, das sich der verliehenen Bürgerrechte durch die Entäußerung der eigenen Individualität würdig zu erweisen hätte. Die Juden Rußlands haben an der Zertrümmerung des Zarismus und der Erneuerung des Landes einen so hervorragenden Anteil, daß sie in den eigenen Augen und den Augen aller als gleich- und vollwertiger Faktor gelten. Die Emanzipation der nissischen Judenheit ist in hohem Grade Auto emanzipation. Der bedeutende Anteil von Juden an fast allen revolutionären und oppositionellen Parteien Rußlands ist bekannt. Das jüdische Element