Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 439 (sequence 11)
- Language
- German
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439 giösen Judentums kaum genug tun. Es wurde dabei ein sittlicher Vandalismus und eine Gefühlsvorrohung an den Tag gelegt, der gerade den Volksjuden mit Entsotzen und Abscheu erfüllen mußte und bei deren Erinnerung noch heute dem schlichten Juden des „Städtchens'4 das Blut in Wallung gerät. Nicht besser erging es dem modern-nationalen Gedanken, wie er dazumal vom Zionismus repräsentiert wurde. Die nationale Bewegung und das hebräische Wort wurden von don Erben Libermanns aufs unglaublichste bekämpft. Diese Haltung der nationalen Bewegung gegenüber änderte sich auch dann nicht, als diese Bewegung längst über den Kreis der „Bourgeoisie14 hinauswuchs und* in den gebildeteren und volkstreuen Schichten der jüdischen Arbeiterschaft Wurzel zu fassen begann; im Gegenteil, die Gegnerschaft, nahm dann an Heftigkeit noch zu. Gegen die zionistisch-sozialistischen „Poalo-Zion", der territorialistischen „Z.S." 3) und de.r auf autonomistischem Standpunkt stehenden.Jüdisch-sozialistischcnArbeiterpartei" wurde mit gleicher Gehässigkeit gewütet, wie gegen die bürgerlichen orthodoxen und zionistischen Elemente. Mit der jüdischen „Bourgeoisie" hatten eben diese proletarischen Richtungen das lebendige Judentum, den jüdischen Volksgedanken und den Glauben an die nationale Erlösung gemeinsam, während das erste Dogma des „Bundes14 lautete, daß — wie es in der „B u n d e s" - M a r s e i 11 a i s e so schön heißt — „Messias und Judentum tot wären*4. Das P r o l e t a r i a t sei der W e 11 m e s s i a s . heißt darin es weiter. Auch das Verhalten der jüdischen Sprache gegenüber entbehrte jedes nationalen Wertgefühls und Werturteils. Wie der „Rund44 von Anfang an nicht als selbständige jüdische Partei, sondern bloß als — just durch die Notwendigkeit einer besonderen Agitationstätigkeit motivierte — Z w e c k Organisation gelten wollte, so wurde auch das Jiddische bloß als schätzbares Werkzeug der Massenagitation gewürdigt. Erst spät und unter dem Zwang der Umstände ließ man sich nach und nach zu Konzessionen an die in den eigenen Keihen. grassierenden nationalen Strömungen herbei, ja, als die jiddische Sprache und Literatur im ostjüdischen B ü r g e r t u m und eben d u r c h dieses Bürgertum zu hoher Blüte und Bedeutung gelangten, warf man sieh sogar zu einer Säule des J i d d i s c h i s m u s auf. Es konnte nicht ausbleiben, daß diesem antinationalen Charakter des „Bundes" in seinen eigenen Keihen Gegner und Opponenten erstehen mußten. Tatsächlich machten sich bereits am Beginn dieses Jahrhunderts-nationale Strömungen in dieser Organisation bemerkbar. Auf der Bundestagung im Jahre 1899 zu Kowno taucht zum erstenmal die nationale Frage auf. Auf dieser Tagung wurde der Antrag gestellt, die Forderung eiuer „bürgerlichen Gleichberechtigung41 in eine „nationale Gleichberechtigung'4 umzuändern. Der Antrag wurde mit der Begründung abgelehnt, „man müsse alles fernhalten, was geeignet wäre, das Proletariat von den K lassenauf die n a ti onalen Interessen hinzulenken44. Es gab heiße Debatten 5) Zionisten-Soz.ialisten.