Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 438 (sequence 10)
- Language
- German
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438 oricntierteren Richtung zutage. Indessen vermochte sich die neue Richtung nieht durchzusetzen. Es blieb bei Antrügen und Teilerfolgen, während der alte Parteigeist seine Herrschaft behauptete. Die „Arbeit'1 auf ökonomischem Gebiet, in der Organisation von Streiks und Neugrftndung von Kampfgruppen bestehend, stoigerte sich namentlich in der auf die 5. Tagung des „Bundes" (1003 in Zürich) folgenden Zeit. Es werden auf Grundlage des Klassenkampf gedankens H a n d 1 u n g s - gchil Hon vereine ins Leben gerufen. Entsprechend der wiederauflebenden politischen Tätigkeit nehmen in dieser Epoche die Arbeitsniederlegungen einen rein politischen Charakter an, während die eigentlichen ökonomischen Motive immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Diese Tendenz erfährt nunmehr bis auf die Revoluti'onsepoche von 1905 keine Unterbrechung. Allein beruhte das ökonomische Programm des „Bundes" auf einer völligen Verkennung der jüdischen Wirklichkeit und der im tiefsten Wesen n a t i o n a 1, nicht sozial determinierten wirtschaftlichen Judenfrage, so war die von ihm vertretene Kultur- und Geistesrichtung der Ausfluß einer tödlichen Volksfremdheit, einer blinden, beharrlichen Negation alier jener Lebensmächte, die die Vegangenheit und den Zu-, kunftswillen des Volkstums beherrschten und den ureigensten Ausdruck seines tiefsten Lehenstriebes bildeten. Ließ ihm sein atroplüerter Wirklichkeitssinn nicht zum Verständnis der realen Gegenwart kommen, hu ging ihm auch die Fähigkeit einer geschichtlichen Orientierung völlig ab. Der älteste ostjüdische. Sozialismus floß aus der zwiefachen Quelle: der russischen Erneuerungsbewegung und der Haskala. Die geistige Erbschaft der Haskala war bald spurlos dahin, der russische Welt- und Menscbheitsgodanke behauptete die Alleinherrschaft. Hatte dieser Weltgedanke im russischen Volksmilieu selbst in seinen höchsten Gipfeiuugen den Kontakt mit der fruchtbaren Tiefe nicht verloren, blieb er vielmehr bodenständig und wurzelstark, so mußte er im fremden Lebenskreise einer völligen Entwirklichung und Entwurzelung verfallen und zu einem wesenlosen Idealgespenst werden. Er ward es. Dieses bleiche Idealgespenst wurde zum Gott des neuen „Bundes'1 erhoben. Er hieß M e n s e h h e i t s i d e e und W e 11 b ü r g e r t u m. Dort in der großen Welt, im mächtig hämmernden Rythmus einer nationalen Wirklichkeit, war dieses Menschheitsgespenst bald in das Traumland verbannt, hier, in der kontemplativen Lebenssphäre einer halberstarrten Volkswirklichkeit, durfte er noch lange ein beschauliches Dasein fristen. Die Geistesrichtung des „Bundes" war charakterisiert durch die Negierimg der nationalen Lebensinhalte und Lebensformen. Seine Geschichte von seinem Aufstieg bis zu seinem Niedergang ist erfüllt von einem unausgesetzten, blindwütigen Kampf gegen den aufstrebenden nationalen Gedanken und gegen das geschichtliche Judentum. Sein Haß und seine Verachtung galten in gleichem Maße dem religiösen wie den modern-weltlichen Äußerungen und Erscheinungen jüdischer Volkskultur. Seine Anhänger konnten sich an bis zu tätlicher Profanation der heiligen Stätten gehenden Verhöhnung und Beschimpfung des reli-