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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 437

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
Date
1917-05-10
Page
Seite 437 (sequence 9)
Language
German
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437 sehr zweifelhafter Triumph des „Blindes", daß 92,50 aller von den arrangierten Streiks in jüdischen Handwerksbetrieben zugunsten der Gesellen abgelaufen sind; „Sieger" und „Besiegte" schwitzten bald friedlich nebeneinander in einem „Shop" der New Yorker „East-Side." Nur zu einem Teile handelte es sich dabei um tatsächliche Lohnerhöhung«- und Arbeitszeitkürzungsforderungen. Wo dies der Fall war, geschah es nicht von seifen der Gesellen selbst, die die Leistungsfähigkeit der in den elendsten Um- ^timden stehenden Produktion und die traurige Situation dos ..Arbeitgebers" selbst sehr wohl zu würdigen wußten, sondern auf die Initiative von oben, auf Befehl des „Komitees", der vielfach unsichtbaren hohen „Strategen" des Klassenkampfes, deren „praktischen41 Erwägungen gar zu oft aus rein deduktiver Quelle flössen. Streikkassen, bestimmt, ausdrücklich zur Unterstützung aller derer, die k Ii m p f e n w o 11 e n, wurden allerorten ins Leben gerufen. 1900 wies die Streikkasse in Bialystok 1001), in Wilna 1400, in Minsk 1000, in Hornel 300 Mitglieder auf. Um den gefährlichen t'harakter der Streikbewegung und der mit Hochdruck betriebenen Streikpropaganda voll würdigen zu können, muß man die rasche und weite Ausbreitung der Bundesvereine und der Bundesagitationspresse berücksichtigen. Ende 1900 bestanden bundistische Organisationen in den Gouvernemente Wilna, Minsk, Kowno, Grodno, Witebsk, Mobilew und einem Teil des Gouvernements Suwalki, sowie in Warschau und Lodz4). Die Gesamtauflage der Bundesorgane erreichte um 1900 5-1000, einschließlich der Broschüren — 82 000 Exemplare. Dieser ganze Apparat wurde in den Dienst der neuen Kampfpropaganda gestellt. Die Kampfstimmung war bis zur Siedehitze gesteigert und artete bald in einen offenen Terror aus. Niemand, der die wüsten terroristischen Szenen, die allzu häutig einen blutigen Verlauf nahmen, persönlich miterlebt hat, wirr! sie so leicht vergessen. Die Lage war so unhaltbar geworden, daß die folgende, im Jahre 1901 in Bialystok berufene 4, Bundestagung sich veranlaßt sah, energisch einzuschreiten und einen Unterschied zwischen ..Angriffs- und Verteidigungsstreiks" festzulegen. In gleicher Weise sprach sieh die Tagung entschieden gegen den „wirtschaftlichen Terror" aus und lehnte auch die Beteiligung an dem politischen Terrorismus ab. In dieser Tagung trat überhaupt ein starker Stimmungsumschwung zugunsten einer gemäßigteren und gleichzeitig national- 4) Freilich war l<aum die Hälfte der jüdischen Arbeiterschaft dieses Gebiets im „Bund" organisiert. Nach dem auf dem Internationalen Sozialdemokratischen Kongreß im Jahre 1900 zu Paris erstatteten Tätigkeitsbericht des .,Bundesli betrug das Verhältnis der organisierten zu den nichtorganisierten Arbeitern in Bialystok 20 in Hornel 40%, in Minsk 1*5 bis 40 °/rt. Absolute Ziffern werden angeführt: in Bialystok 1000 organisierte jüdische Arbeiter: in Wilna 1400; in Hornel 3C00; in Minsk 1000. In bezug auf die einzelnen Gewerbe des gesamten Rayons sind Zahlen bloß für Gerber und für Borstenarbeiter vorhanden. Die Zahl der organisierten jüdischen Arbeiter betrug danach unter den Gerbern 700, unter den Borstenarbeitern 800, (60 % der Gesamtzahl).

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