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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 436

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
Date
1917-05-10
Page
Seite 436 (sequence 8)
Language
German
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436 „Bundes" erhielt der ostjüdische Sozialismus nicht allein eine fest'? organisatorische Form, sondern auch seine erste theoretische Grundlegung und Präzisierung. Der künftige nationale Historiker wird bei aller Objektivität und Gerechtigkeit und der rückhaltlosen Anerkennung alles dessen, was die neue Organisation des untersten Standes im Judentum an sittlichsozialen Kräften und Impulsen in sich barg und was sie zur Steigerung und Aktivierung der nationalen Energien beitrug, doch nicht umhin können, das bewußte, zielstrebige Wirken des „Bundes" als verfehlt und destruktiv hinzustellen. Apologiebetlissene werden auch dem „Bund" das unanfechtbare Verdienst zuerkennen müssen, der großen russischen Gesellschaft, die bis dahin den Juden bloß als Schacherer und. Wucherer kannte, zum ersten Male den arbeitenden Juden offenbart zu haben. Allein das vermag an der objektiven Würdigung der Absichten und Ziele nichts zu ändern. Was in diesem Wirken gut und fördernd war. lag eben nicht in den programmäßigen Handlungen und Zwecksetzungen, sondern in der Tatsache der Organisation schlechthin. Was der „Bund" klar wollte und was dieses Wollen an unmittelbaren -'Erfolgen zeitigte, war verzerrt und lebenshemmend. Das Verzerrte und Lebenshemmende trat in seinem Wirken in doppelter Hinsicht zutage: In der von ihm propagierten wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Richtung. Zunächst seine rein ökonomische Wirksamkeit. In einer Gesellschaft, in der von einer „kapitalistischen Produktionsweise" keine Spur war, in einem Volkskreis, der, von einer Welt von Feinden umgeben, in seiner Gesa m t h e i t eine erbitterte K a m p f g emeins c h a f t. bildete, hat er, von einem marxistischen Buchstabenglauben verblendet und fanatisiert, die Forderung des „K lassen kampfesi; auf die Spitze getrieben und diesen mit aller Kraft und allen Mitteln unausgesetzt geschürt. Im abgehärmten, im Schweiße seines Angesichts um die nackte Lebensnotdurft sieh abmühenden jüdischen H a n d w c r k e rmeister sah er den Blutsauger und Ausbeuter, den „Kapitalisten", in dem von seinem Meister sowohl sozial wie wirtschaftlich sich kaum abhebenden Gesellen das Opfer der Ausbeutung. Eine sinn- und zwecklose, den konkreten Verhältnissen geradezu hohnsprechende, willkürliche S t r e i k p r o p a g a n d a setzte unmittelbar nach der in Kowno stattgehabten dritten Tagung des „Bundes" im Jahre 1899 ein. Ohne jeden triftigen Grund, aus den geringfügigsten, ja lächerlichen Anlässen, allzu häufig aus reinem Klassen Übermut, als Machtprobe und Demonstration wurden zahllose Streiks in den jüdischen Handwerksbetrieben vom Zaun gebrochenn), die nur allzu oft zum völligen Ruin des ohnehin schwer ringenden Betriebes und zur dauernden Schädigung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter selbst führen mußten und auch führten. Es war ein a) Vom Ende des Jahres 1897 bis zum Sommer 1900 wurden die dem „Bund" gemeldeten jüdischen Streiks auf insgesamt 3J2 gezahlt; davon entfielen auf größere Betriebe 140, auf das Handwerk — 169.

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