Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
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434 Indessen erfreute sich die neue Bewegung unter den jüdischen Arbeitennassen wahrend der ersten Hälfte der neunziger Jahre eines ununterbrochenen Wachstums. Es entstanden allerorten jüdisch-sozialistische Bildlingsvereine und Berufsgenxeinschaften. Das Anwachsen und Erstarken der jüdisch-sozialistischen Bewegung1 und die gesteigerte Anteilnahme jüdischer Elemente an den neuen Bestrebungen mußte innerhalb der jüdischen Kreise den Wunsch wachrufen, den jüdischen Gruppen und Verbänden innerhalb der allgemeinen russischen Organisationen, deren organischer Bestandteil sie waren, eine ihrem besonderen völkischen Charakter und ihren besonderen Bedürfnissen und Arbeitsformen entsprechende Sonderstellung zu sichern. Es waren gerade diese besonderen Bedürfnisse und Bestrebungen nationaler Natur, die zu lebhafter Auseinandersetzung innerhalb der jüdischen Gruppen selbst führten und in immer steigendem Maße ihre Einheit, ja ihren Bestand zu bedrohen schienen. So wird um 1802—1893 innerhalb der Wilnaer jüdisch-sozialistischen Vereine die S p r a eben f r a g e '/um ersten Male Gegenstand tiefgehender Divergenzen und lebhafter Meinungsverschiedenheiten. Die führenden „weltbürgerlichen" (in Wahrheit natürlich bis auf die Knochen russifizierten) intellektuellen Elemente wollten von einer in jüdischer Sprache, dem einzigen Ver- Htündigungsmittel mit den jüdischen Volksmassen, geführten Agitation und der Schaffung einer jüdischen Parteiliteratur nichts wissen; man sollte sich ausschließlich der russischen Sprache bedienen. Dagegen wurden scharfe Proteste laut. Ohne daß diese Frage bereits in ihrer eigentlichen nationalen Bedeutung gewürdigt wurde, wurde sie in rein praktisch er Hinsicht zum ewigen Steine des Anstoßes. Die „Massenbewegung" mußte sich eben der Volkssprache bedienen. Die schlichte jüdische Arbeitermasse hatte überhaupt kein Verhältnis zur russischen Sprache und Kultur. Der Sprachenstreit endete damals mit einem Austritt zahlreicher jüdischer Arbeiter aus den lokalen Gruppen. Wenn auch nicht die ausdrückliche Anerkennung, so gelangte doch unter der Macht der praktischen Erfordernisse die stillschweigende Zulassung des Jiddischen als Werkzeug der Massenagitation in der Folgezeit überall zur Durchführung. Die anfänglichen Gegensätze verflüchtigten sich, 1893 griff die neu propagierte ökonomische Massenbewegung von den ursprünglichen Zentren Wilna .und Walrschau nach Minsk und Smorgon, dem Mittelpunkt der jüdischen Gerbereiindustrie, 1895 nach Brcst-Litowsk und Bialystoek hinüber, in welch letzterer Stadt in diesem Jahre ein Massenstreik von zirka 36 00.0 Gebern, darunter 3000 Juden, stattgefunden hatte. Es war natürlich., daß, je tiefer die Bewegung in die breite jüdische Yolksmasse drang, desto jüdischer sie werden mußte. Je mehr sie sich aber um spezifisch-jüdische Fragen zu kümmern begann, desto mehr mußte sie auf das Gebiet der Politik gelenkt werden. Genug: In den Maifeiern des Jahres 1894 wurde zum ersten Male die Forderung der Gleichberechtigung der Juden aufs Schild gehoben. Zum Wortführer