Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
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433 Arbeiterschaft Platz, die sich da und dort in spontanen, vereinzelten Revolten und Ausschreitungen Luft machte. Erst im Beginn der neunziger Jahre machten diese unklaren und vereinzelten Erscheinungen einer bewußten Organisationstendenz Platz. Die ersten organisierten Arbeitsniederlegungen werden in der jüdischen Gasse Ereignis. An Stelle der alten traditionellen Handwerkervereine, der stark religiös gefärbten beruflichen „chewrot" deren Brennpunkt die jeder Handwerksgruppe eigenen besonderen Synagogen bildeten, traten hier und da neue, rein ökonomische Berufs verbände auf. 1888 entstand die erste neue Berufsvereinigung, die „Kasse11 genannt, unter den organisierten Wilnaer jüdischen Strunipfwirkerinnen. Die Beziehungen zwischen „Arbeitnehmern" und „Arbeitgebern" erfuhren eine fortwährende Verschlechterung, Meiste r und Geselle, die sich kaum sozial, geschweige denn wirtschaftlich voneinander abhoben, stehen sich nun wie Feinde gegenüber. In Ermangelung wirklicher ständischer und wirtschaftlicher Gegensätze wird der programmatische „Klassenkampf" förmlich forciert. Gewiß herrschten im jüdischen Handwerk keineswegs erfreuliche Zustände. Der Arbeitslohn war gering, der 14—18 stündige Arbeitstag war üblich. Allein was die Herren „Agitatoren" nicht einsehen wollten, war, daß unter diesen Verhältnissen der jüdische Meister nicht weniger litt wie der jüdische Geselle. An einem Tische mühten sie sich beide bis tief in die Nacht hinein, und der Verdienst des ersten überstieg kaum erheblich den Lohn des letzten. Eine rasche Verbreitung erfuhren die neuen „Kassen" seit dem Jahre 1893, unter dem Einfluß der gesteigerten allgemeinen Arbeiterbewegung in Rußland. Die Bewegung erhob die Forderung eines (bereits von der Gewerbereform aus der Regierungszeit Jekaterina II. vorgesehenen, aber faktisch nicht durchgeführten) z e h n s t ü n d i g e n Arbeits t a g e s und einer Lohnerhöhung aufs Schild. ^Andere Forderungen bezogen sich auf Abschaffung des Stücklohnes, bessere Behandlung, Gewährung medizinischer Hilfe, Milderung oder auch Aufhebung der Strafbestimmungen, Abschaffung der Nachtarbeit, die Einführung von Abrechmmgsbüchern, pünktlicher Lohnzahlung, Entfernung unbeliebter Meister usw. Diese Forderungen wurden nun, ohne Rücksicht auf die besondere Situation des jüdischen Handwerks auch auf dieses übertragen. Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Arbeitslohnes wurde auch von den jüdischen -Arbeiter- (d. h. Gesellen-) Verbänden mit aller Kraft angestrebt und auch durchgesetzt. So begreiflich und an sich berechtigt diese Forderungen auch waren — das jüdische Handwerk war ihnen nicht gewachsen. Die Folge der im Laufe der neunziger Jahre sich durchsetzenden Aufbesserung der Arbeiterlage war für das auf billige Arbeit, angewiesene jüdische Handwerk eine schwere Krisis, die jeden weiteren Fortschritt hintanhielt und bald die errungenen Vorteile in Nachteile verwandelte. Man darf in diesem Umstand eino der wesentlichsten Ursachen des Niederganges des ostjüdischen Handwerks um die Wende des vorigen Jahrhunderts erblicken.