Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 431 (sequence 3)
- Language
- German
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431 Daß unter derartigen Umständen die elementaren wirtschaftlichen Voraussetzungen für das Aufkommen modern-sozialistischer Tendenzen nicht gegeben waren, liegt auf der Hand. Es war tatsächlich nicht bloß Volksfremdheit und weltbürgerliche Befangenheit, die die ersten Anhänger und Verfechter der neuen Ideen in der ostjüdischen Welt — zu ihnen zählten auch die späteren hebräischen Schriftsteller B. Kowner, L L. Kantor und der Dichter Jehalel — in den reißenden Strudel der von den „Narodniki" und der „Narodnaja Wolja" getragenen russischen sozial-revolutionären Bewegung der sechziger und siebziger Jahre trieb. Bauern und Arbeitermassen, auf die sich die neue „intellektuelle" Bewegung stützte, gab es unter den Juden nicht. War so für die neuen wirtschaftlichen Ideale und Forderungen im Judentum überhaupt kein Boden vorhanden, so war die allgemeine politische und rechtliche Situation des russischen Judentums um diese Epoche, in der Regierungszeit Alexanders IL, eine durchaus erträgliche. Die weiten jüdischen Massen blieben der neuen Bewegung fern. Erst um die Mitte der siebziger Jahre beginnt sich die radikale jüdische Intelligenz um diese Massen zu kümmern. Die neuen Ideen werden in das jüdische Milieu getragen und in einer dem Volksjuden verständlichen Sprache propagiert. Welche Gestalt mußten die nunmehr in die spezifischen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des urjüdischen Milieus verpflanzten neuen sozialen Tendenzen annehmen? Hier fanden die neuen Ideen keine Korrelate in der realen Wirklichkeit. Hier war nicht einmal ein negatives Verhältnis möglich. Es gab innerhalb der ostjüdischen Gesellschaft keinen aufstrebenden Kapitalismus, es gab in der in erster Entfaltung begriffenen handwerksmäßigen Produktion keinen Widerstreit zwischen Kapitalbesitz und Arbeit, keine ökonomisch geartete Klassengegensätze. So mußte die neue sozialistische Ideenwelt über die Wirklichkeit gestellt werden, die Ideologie einen prophetisch-weltbürgerlichen Charakter annehmen. So waren es eben einzig und allein die neuen politisch-staatlichen Ziele der neuen Bewegung, die in der Atmosphäre politischer Unterdrückung und Entrechtung, in der die Juden wie die anderen Elemente der großen russischen Staatsgesellschaft lebten, auf allgemeines Verständnis und Teilnahme auch in der Judenheit rechnen konnten. Allein nicht danach ging der weltverbessernde Sinn jener „Agitatoren", die nunmehr, um die Mitte der siebziger Jahre,.daran gingen, den Sozialismus in der jüdischen Gasse zu predigen. Aus der hebräischen Haskala und der russischen „Volkstümmelei" hervorgegangen, mußten es diese Weltbürger und Sozialreformatoren versuchen, ihr Weltbürgertum und ihre sozialen Kampfideen in das jüdischo Milieu zu verpflanzen. Diese Gedankengänge fanden ihren eigenartigsten Ausdruck im Statut der ersten jüdisch-sozialistischen Vereinigung, die vom begeisterten Hebräisten und Sozialisten Aron Libermann, dem Vater des ostjüdischen Sozialismus, am 8. Max des Jahres 187G in London, wo er sich in diesem Jahre als politischer Emigrant aufhielt, ins Leben gerufen wurde. Das hebräisch und jiddisch abgefaßte Statut der