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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 430

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
Date
1917-05-10
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 russischen Gesellschaft erst nach dem industriellen Aufschwung der neunziger Jahre und der im Schoß der Bauern- und Bürgergesellschaft sich vollziehenden Neugeburt des vierten Standes, des Industrieproletariats. An der Peripherie dieser Gesellschaft lebte aber eine Volksgruppe, die nicht allein ein „Staat im Staate", sondern im richtigeren Sinne eine „Gesellschaft in der Gesellschaft" bildete: die Juden. Die ausgeprägte Kulturautonomie der ostjüdischen Gemeinschaft wurde von einer einzigartigen wirtschaftlich-sozialen Eigengesetzlichkeit und Eigenprägung noch übertroffen. Diese soziale Eigenart bestand bis zum Beginn der sechziger Jahre in einem Zustand völliger gesellschaftlicher Undifferenziertheit und „unbestimmter Gleichartigkeit44. Es herrschte in der Sphäre des Wirtschaftlichen ein chaotischer Zustand, dem nicht einmal lebensfähige Keime eines künftigen ständischen Differenzierungsprozesses innewohnten. Mit der Bauernbefreiung von 1861, die in hohem Maße auch die wirtschaftliche Emanzipation des Judentums bedeutete, trat hier insofern ein Wandel ein, als nunmehr mit dem neugeschaffenen freien Markt, mit der freien Arbeit und den durch die Depossedierung der bisherigen jüdischen Wirtschaftsfunktion flüssig gewordenen Kapitalmitteln, ferner der Verbesserung des Verkehrswesens und anderen Faktoren sekundärer Art — die Juden vom Geldzum Warenhandel, von der Vermittlung zur Produktion übergingen. Das bisher rein geistig-ideel bestimmte und fundierte traditionelle jüdische Ständewesen erfuhr durch die neuen Differenzierungstendenz 3n eino sozial-ökonomische Konsolidierung und Fundamentierung. Die Vertreter beider zu neuer Existenz gerufenen jüdischen Stände, der „Baal-habajis44 und der „Baal-melocho" (Handels- und Handwerkerstand) traten auf den Plan. Die in Entstehung begriffene „jüdische44 Großindustrie war eben von vornherein bloß dem Kapital, aber nicht der Arbeit nach jildisQh. Dieser industriellen Betätigung des jüdischen Kapitals und den Ansätzen einer Industrialisierung der jüdischen Arbeit wurde gleichzeitig durch die von Adel und Bourgeoisie gemeinsam durchgesetzte antijüdische Politik der achtziger Jahre, namentlich die „Zeitweiligen Gesetze44 von 1882, die die» Freiziggkeit der Juden aufhoben, ein jähes Ziel gesetzt (57 % aller russischen Fabriken haben ihren Standort außerhalb der Städte und Flecken; die Hauptindustriegebiete von Moskau, Petersburg, des Urals, des Kaukasus und Südrußlands liegen außerhalb der „Ansiedlungsrayons44.) Der sozial-ökonomische Differenzierungsprozeß war so über die primitive Phase nicht hinausgekommen. Die ostjüdischo Wirtschaftsgesellschaft blieb bis heute eine Handels- und Handwerksgesellschaft; das ostjüdische Handwerk ist aber auf dem Wege zur Großproduktion über das Verlagssystem noch heute kaum hinausgekommen. Um die Wende des 19. Jahrhunderts wurden im gesainten russischen Ansiedlungsgebiet 500 986 jüdische Handwerker (einschließlich Gesellen und Lehrlinge), hingegen bloß zirka 50 000 Fabrikarbeiter gezählt.

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