Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Der Kahal in Polen im XVI. bis XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 410 (sequence 4)
- Language
- German
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- Opatów 1× ep/1047788
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410 des „Schwarzen Todes", sondern gruppenweise nach und nach, zusammen mit anderen deutschen Einwanderern. Bei der Neuordnung der polnischen Städte auf Grund des magdeburgischen Rechtes gruppierten sich die sogenannten Nationes (religiös-ständische Gruppen) um ihre Tempel und gemeinnützigen Anstalten. Am besten können wir es an dem Beispiel Lembergs studieren, wo nach dem Umbau der Stadt (1350—1350) Katholiken (Deutsche und Polen), Orthodoxe (Ruthenen), Armenier, Juden und niuselmännische Tataren in den engen Rahmen einer, mittelalterlichen Stadt — alle .in besonderen Gassen ringsum ihrer Kirchen, Synagogen und Moscheen sich ansiedelten. Außer der mittelalterlichen Ordnung sind die Juden noch durch andere Ursachen zur geschlossenen Siedelung im Weichbild der Stadt gezwungen. Erstens sind sie als K a rn m e r k n e c h t e genötigt, ihre .Wohnsitze auf königlichem Boden zu wählen'— sie sind ja einer anderen Gerichtsbarkeit als die anderen Bürger unterworfen und zahlen anderorts als die Bürger ihre Steuern — zweitens verlangt die Kirche, daß sie abgesondert von den Christen wohnen. Sämtliche Synodalgesetze, — voran die Beschlüsse in Kaiisch (1264) und Breslau (12G7) — sprechen deutlich aus, daß die Wohnsitze der Juden von denen der christlichen Bürger durch einen Graben, einen Wall oder eine Mauer getrennt sein sollen *). Außer diesen Ursachen rechtlicher Natur und vielleicht viel mehr als diese, tragen ökonomische Verhältnisse zur Abgrenzung des Territoriums der jüdischen Gemeinde bei. Anfangs ist die Judengemeinde in einer jeden Stadt klein und beschränkt sich auf eine Straße, die aber fast immer entweder in den Marktplatz ausmündet [Krakau: St.-Annen-Gasse5), Posen: Judengasse6) usw.] oder durch ein Gäßchen mit diesem verbunden ist [Lemberg ul. Blachowska7), Sandomir, Opatow usw.8)]. Die mittelalterliche Stadt ist aber immer eng angelegt; der natürliche Zuwachs der Bevölkerung, wie auch die Einwanderung neuer Elemente, engen die Stadt immer mehr ein und der Bau von Kirchen, Klöstern und Adelspalästen trägt noch mehr dazu bei. Dazu kommt der wirtschaftliche Konkurrenzkampf zwischen den Bürgern und den Juden; der Adel führt in Polen eine antibürgerliehe ökonomische Politik und spielt den Juden gegen den Städter aus. Hier die Ursache und die Möglichkeit der Entwickelung des jüdischen Kandels trotz vielfacher Schikanen und Beschränkungen, hier aber auch ein 4) Groranicki: Provinzial-Synode bis zum Jahre 1357 (polnisch). Krakau 1885. Ulanowski: Materialien zur Geschichte der synodalen Gesetzgebung im XVI. Jahrhundert in Polen (lateinisch). Krakau 1S05. 5) Bai ab an: Gesch. d. Juden in Krakau Bd. I, S. 3 (poln.). 6) Prümers: Die Stadt Posen in südpreußischer Zeit S. 93 u. 100 (Plan von Posen). "7) Baiaban: Das Judenviertel in Lemberg, seine Geschichte und seine Denkmäler. Lemberg 1909. Siehe den Plan des Ghettos und das Bild der Judengasse (poln.). 8) Schipper: Studien über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden im Mittelalter (poln.). Lemberg 1911: Die Entstehung des Ghettos.