Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
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406 Neigung zur Analyse und der lebhafte Sinn für Unterschiede durchaus nicht immer die Klarheit der Erkenntnis. (Wenn es mir unmöglich ist, aus Wortwahl und Stil einer Schrift den Sinn deutlich genug zu verstehen, ist es in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle das Geistesprodukt eines Juden, mit dem ich mich zu plagen habe. Um ein paar ausgezeichnete jüdische Autoren zu erwähnen, deren vieldeutige Ausdrucksweise den Wert ihrer Arbeiten vermindert, so möchte ich nur Maximilian Harden, Walther Rathenau, Max Brod nennen.) In den Gedanken solcher Analytiker ist zuviel Salzsäure. Auch die Neigung, die Kunst wissenschaftlich zu betreiben, die ich oben den Deutschen glaubte nachsagen zu sollen, findet — freilich aus anderen Motiven — bei Juden eine Stütze. Sie entstammt dem Bestreben, sich das Anschauliche, Sinnlich-Wahrnehmbare und in der Phantasie Vorgestellte verstandesmäßig zu zergliedern. Der heillose Unfug des Expressionismus findet meist bei Juden Förderung. Vielleicht genügt schon die bisherige Gegenüberstellung für die Schlußfolgerung: der Deutsche bedarf des Juden wie der Jude des Deutschen. Jugendlich unbefangener und damit schöpferischer erscheint mir der Deutsche. Aber in seiner Hingabe an die Sache entbehrt er oft des rechten Augenmaßes, das der kritischere Jude häufiger besitzt. Im ganzen haben die Deutschen viel Nutzen aus jüdischem Spotte gezogen. (Wie undankbar waren sie gegen Heine.) Hermann Cohen hat — freilich mit den Mitteln einer ganz anderen Betrachtungsweise — dargelegt, wie sehr der Jude sich dem deutschen Wesen nahe fühlen sollte. Mir als Nichtjuden mußte die andere Seite interessanter sein: wie sehr wir Deutschen der Juden bedürfen. Der deutsche Geist verrennt sich leicht in Sackgassen, wenn er allzu gläubig dem Prinzipe oder Ideale dient. Da sind die Korrekturen zweifelnder Juden von Wert. Die politischen und sozialen Probleme sind damit unerörtert geblieben. Aber es ergeben sich, scheint mir, wesentliche Konsequenzen aus den vorausgehenden Untersuchungen. Sie vereinigen sich in dem Satze; Z a h 1 r e i c h e u n d m a n n i g i a 11 i g e B e r ü h r u n g e n b e i freier Entwicklung sind z/wischen Deutschtum und Judentum notwendig. Ich glaube nicht, daß der völlig selbständige, isolierte jüdische Geist (in dem Zustande, den er gegenwärtig erreicht hat) auf die Dauer Gedeihen verbürgen würde. Ich zweifle ferner, ob eine einseitige geistige Vorherrschaft des Judentums in Deutschland der Nation ersprießlich wäre, da — um es kurz schlagwortartig zu sagen — der Synthetiker einem Gemeinwesen nötiger ist als der Analytiker. Aber von einer solchen Vorherrschaft können ernsthaft nur Gespensterseher reden. Vielmehr wäre es, soviel ich erkennen kann, wünschenswert, wenn sich der jüdische Einfluß in Deutschland noch erweiterte, um die Folgen jener Unvoilkommenheiten des deutschen Wesens, von donen in Verbindung mit ihren Vorzügen oben die Rede war, zu verringern.